Dienstag, 6. Oktober 2009 von Daniel Seeburger

Alles hat seine Stunde

Ich ärgere mich jedes Jahr über die köstlichen Lebkuchen, die sich ab Anfang September in den Supermärkten tummeln. Da ist es ganz angenehm, wenn es noch Menschen und Institutionen gibt, die sich gegen eine unangemessene Vermarktung der Advents- und Weihnachtszeit zur Wehr setzen. Unsere Kirchen beispielsweise . . .

Mitte September finde ich einen Katalog in meinem Briefkasten, der mir „Christliche Bücher und Geschenke“ anbietet. Der Verlag sei „ein Unternehmen der Kirche“, rühmen sich die Macher. „Nächstenliebe, schenken und teilen – das sind Werte, die ich mit St. Nikolaus verbinde“, teilt mir Peter Hahne auf der ersten Seite mit. Er unterstützt die Aktion „Weihnachtsmannfreie Zone“ des Bonifatiuswerks, einer Einrichtung der katholischen Kirche. Zu kaufen gibt es neben mal tiefer, mal weniger tief gehenden Werken über Hildegard von Bingen, Engel, Jakobsweg, kleinen Prinzen und großen Päpsten auch Schoko-Adventskalender, Puzzle-Krippen und – man höre und staune – Schoko-Nikoläuse „mit neuer Schokoladenrezeptur“.

Wenn zwei dasselbe tun, ist es offensichtlich noch lange nicht dasselbe. Dominosteine im September sind ein absolutes „no go“ – die christlich-abendländische Kultur steht, so scheint es, vor dem Zusammenbruch, wenn ich im Herbst Schoko-Weihnachtsmänner nasche.

„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit“, heißt es im alttestamentlichen Buch Kohelet. Und das sollte nicht nur für zuckersüß-profane Weihnachtsmänner gelten, sondern gerade auch für kirchlich legitimierte Schoko-Nikoläuse.

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Donnerstag, 3. September 2009 von Daniel Seeburger

Wellenreiten

Beim Rockfestival „Rock am See“ in Konstanz sind über 20 000 Besucher, ein Großteil davon unter 25. Mein Ziel: mich beim Auftritt der angesagten schwedischen Band „Mando Diao“ in die erste Reihe vorzuarbeiten – und dabei die „Jugend von heute“ kennenzulernen.

Die Musiker von „Mando Diao“ betreten die Bühne, die Menschen jubeln. Mit einem Ruck verdichten sich die bis dahin locker formierten Reihen. Öffnet sich vor mir eine Lücke, versuche ich sie zu schließen. Das geht kaum ohne Rempler. Trotzdem geht man freundlich miteinander um. Mein Nachbar bietet mir sogar eine Zigarette an. Beim flotten „Mean Street“ beginnen die Fans zu hüpfen. Ich hüpfe mit – es ist die einzige Chance, nicht umgerissen zu werden. Wie menschliche Wellen branden die Körper nach vorne und wieder zurück. Einige Jugendliche lassen sich auf die Welle heben, werden auf Händen nach vorne gereicht. Ein Wellenreiter verliert dabei die Schuhe.

Es riecht nach Parfum und Schweiß. Obwohl es kühl wird, bleibt es in der Welle warm. Und eng. Körper tanzt an Körper. Ausgelassen. Glücklich. In Trance.

Neben mir beginnen sich ein Junge und ein Mädchen anzufauchen. „Es ist aus“, brüllt der junge Mann, dreht sich abrupt um, rempelt mich an und pflügt sich seitlich weg. Das Mädchen bricht weinend zusammen. Ich fange sie auf. Zwei Kumpel kümmern sich um sie. Der eingefleischte Fan hinter mir kennt alle Texte, grölt lauthals mit. Sein Gesang ist gewöhnungsbedürftig. Beim abschließenden „Dance with somebody“ tanzen alle zusammen und jeder für sich. Es kocht und brodelt im Publikum. Die Welle kommt nochmals in Bewegung, spült mich einige Meter nach vorne – für die erste Reihe jedoch reicht es nicht.

Die „Jugend von heute“, weiß ich nun, ist nicht schlechter als die Jugend von gestern. Und Jugend von gestern, das sind wir.

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Samstag, 29. August 2009 von Daniel Seeburger

Ich liebe Apokalypsen

Ich liebe Apokalypsen. Leider sind sie so selten. Sogar die höchst offiziell angekündigten lassen auf sich warten.

Vor 29 Jahren wurde die Studie „Global 2000“ veröffentlicht. Die Umweltfreaks trugen den 1500-Seiten-Wälzer wie die neue Bibel vor sich her. Wer sich durch die zähe Wissenschaftsliteratur gekämpft hatte wusste, dass im Jahr 2000 „Sense“ sein wird. Zunehmende Überbevölkerung, Klimawandel, stärker belastete Umwelt sahen die Auguren zwar voraus – der Weltuntergang allerdings blieb aus. Heute gibt's „Global 2000“ nicht mal mehr in gut sortierten Ramschläden.

Mitte der 80er-Jahre sagten Wissenschaftler das Ende unseres Waldes voraus. Der „Spiegel“ untermalte das Waldsterben mit eindrucksvollen Bildern von zerstörten Bäumen. Die Republik litt unter einem kollektiven schlechten Gewissen. Heute geht es dem Wald zwar nicht besser als damals, aber auch nicht schlechter. Spaziergänge im heimischen Forst sind immer noch erholsam und man kann die Sauerstoffmaske getrost zu Hause lassen.

Mitte der 90er-Jahre schraubten sich plötzlich die Ozonwerte an heißen Tagen in exorbitante Höhen. Menschen klagten über Herz- und Kreislaufbeschwerden. Durch die Bemühungen bei der Luftreinhaltungen sind die Ozonwerte in den vergangenen zehn Jahre stetig gefallen – über Herz- und Kreislaufbeschwerden klagen die Menschen an heißen Tagen aber immer noch.

Ich freue mich schon auf die nächste Apokalypse. Klimakatastrophe, Wasserknappheit, Schweinegrippe, Sternschnuppenhagel oder ein Überfall von genmutierten Killerbienen – ich bin gerüstet. Und seien wir ehrlich: wie langweilig wäre unser Leben ohne etwas Nervenkitzel!

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Mittwoch, 19. August 2009 von Daniel Seeburger

„Jo-haaan-nes!“

Als es mir am Sonntagnachmittag zu warm wurde auf der Terrasse, beschloss ich, mein Nickerchen auf dem Sofa im angrenzenden Wohnzimmer fortzusetzen. Schnell Santana in den CD-Player – und die Kopfhörer aufgesetzt. Bei „Samba pa ti“ dämmerte ich weg, um eine halbe Stunde später von den sanften Congas in „Oye como va“ wieder geweckt zu werden. Die Augen fest geschlossen, genoss ich noch für einige Zeit den Zauber des Augenblicks. Ein leichter Geruch von Zitroneneis umspielte meine Nase. „Das Leben ist schön“, dachte ich mir, „vor allem wenn es nach Zitroneneis duftet“. Ich beschloss, mir ein Eis aus dem Kühlfach zu holen. Goethes „Mignon“ durchzog meine Gedanken: „Kennst Du das Land wo die Zitronen blühen . . .“, rezitierte ich noch halb dösend, öffnete langsam meine Lider . . .

. . . und starrte in zwei große Augen, die mich, gerade mal eine Handbreit von meinem Kopf entfernt, durchdringend anstarrten. „Uaaaaaahhhhh!!!“ Ein Schrei des Entsetzens, Panik erfasste mich und ich sprang auf! Meine Pulsfrequenz explodierte innerhalb einer Sekunde von 60 auf 220 – Weltrekord! Mein Herz pumpte, als ob ich gerade die letzten zehn Kilometer eines Marathons im Spurt zurückgelegt hätte.

„Jo-haaan-nes!!“, herrschte ich meinen vierjährigen Nachbarsjungen an, der mit zitroneneisverschmiertem Gesicht verdattert vor mir stand. „Du darfst Dich nie, nie, nie, hörst du, niemals an einen schlafenden Menschen ranschleichen!“, versuchte ich ihm japsend zu erklären, „da kann sonst ein Unglück passieren“.

„Ich, ich, ich wollte dich doch nur zu meinem Geburtstag einladen . . .“, stotterte der kleine Mann. „Ich werde kommen“, versprach ich ihm, „falls ich bis dahin noch lebe“.

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Samstag, 15. August 2009 von Daniel Seeburger

Zarter Setzling der Liebe

Vor 40 Jahren begann in Bethel im US Bundesstaat New York das Woodstock-Festival. Ich hörte acht Jahre später erstmals den mythenumrankten Namen. Mein Musiklehrer legte damals kommentarlos Jimi Hendrix' Interpretation der amerikanischen Nationalhymne auf den Plattenteller. Hendrix verzerrt mit seiner Gitarre die Hymne zu einer Anklage gegen den Vietnam-Krieg. Man hört fallende Bomben, explodierende Granaten, die Schreie der Kinder – unterbrochen von Melodiefetzen.

Mein Interesse an Woodstock war geweckt. 60 000 Besucher wurden erwartet – 500 000 junge Menschen kamen. Die Logistik brach zusammen, es gab kaum Toiletten, Essen und Trinken wurden knapp. Dazu mehrere Wolkenbrüche. Schließlich musste die Armee zu Hilfe gerufen werden. Trotzdem war es eines der friedlichsten Festivals, die es je gegeben hat.

Der bis dahin unbekannte Folksänger Richie Havens begründete mit dem Song „Freedom“ seinen Ruhm und Country Joe McDonald ließ 500 000 Menschen laut brüllen, was sie vom Krieg in Vietnam hielten :„Fuck!“.

Ich kann mich noch genau an Hendrix' Wirkung auf uns im Musikunterricht erinnern. Es war mucksmäuschenstill in der Klasse. So etwas hatten wir bis dahin noch nie gehört. Hier flatterten erstmals die Friedenstauben, die auch heute noch in zahlreichen Kriegen erlegt werden. Der zarte Setzling der Liebe wurde gepflanzt. Und er wächst trotz aller Rückschläge weiter . . .

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