Mittwoch, 9. August 2017 von Gudrun Stoll

Echte Schnäppchen

Ein solches Schnäppchen gibt es nicht alle Tage. Die Stadt Münsingen hat ihre gut 20 Jahre alte Freibadrutsche verkauft. Das Bad muss dringend saniert werden, Abbau und Lagerung der knallgelben Rutsche kämen zu teuer. Also entschied sich die Stadt zum Verkauf der 60 Meter langen und fünfeinhalb Meter hohen Spaßpipeline über EBay. Der Coup der rund 14 000 Einwohner zählenden Gemeinde im Landkreis Reutlingen erregte bundesweit mediales Aufsehen, das Interesse war riesengroß. Den Zuschlag für das gute Stück, das selbst abgeholt werden muss, erhielt gestern ein Seminarzentrum in Bayern.

Eine Geschichte zum Schmunzeln, die Erinnerungen weckt an eine Aktion, die Straßberg im Jahr 2013 in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Die Gemeinde bot damals das über zwei Jahrzehnte alte Löschfahrzeug der Feuerwehr ebenfalls auf dem Online-Markplatz zum Verkauf an. Mit Erfolg. An der Auktion beteiligten sich 23 Bieter. Für den Magirus Deutz, der seit seiner Zulassung im Jahr 1980 treu seinen Dienst versah, kletterte das Höchstgebot auf 4600 Euro. Ersteigert hat den Feuerwehr-Oldtimer ein alteingesessener Straßberger Bürger. Zur Freude der Floriansjünger, denn so blieb es in der Heimat.

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Dienstag, 11. Juli 2017 von Gudrun Stoll

Beethoven und Schwarzer Block

Was für schlimme Bilder haben uns übers Wochenende aus Hamburg erreicht. Man fühlte sich an Straßenschlachten während der Rassenunruhen in den USA erinnert. Was für ein Debakel. Unbedingt wollte der Gastgeber den Staats- und Regierungschefs des G 20 Gipfels die Elbphilharmonie präsentieren und stülpte dafür der gesamten Innenstadt eine undurchdringliche Sicherheitsglocke über, für deren Abschirmung Hundertschaften an Polizisten abgestellt waren. Diese fehlten, als im Schanzenviertel der Mob seine Orgie aus Gewalt und gezielter Zerstörungslust startete. Am Tag danach folgten die üblichen Reaktionen der Politiker, die sich schockiert und fassungslos zeigten über das Geschehen auf der Straße, während im Konzertsaal Beethovens Neunte erklang. Die „Ode an die Freude“ muss den Hamburgern wie Hohn in den Ohren geklungen haben. Zu Tausenden brachten sie am Sonntag ihre Stadt wieder auf Vordermann. Die 22-jährige Rebecca Lunderup hatte über Facebook zu dieser Aktion aufgerufen. Vom Bundespräsidenten kam dafür ein dickes Dankeschön. Noch schöner wäre es gewesen, wenn einige Politiker die Ärmel hochgekrempelt und selbst Eimer und Besen in die Hand genommen hätten. Sie haben schließlich die Hauptverantwortung für das Desaster zu tragen.

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Dienstag, 27. Juni 2017 von Gudrun Stoll

Ich und die Akropolis

Für Hobbyfotografen sind schwere Zeiten angebrochen. Als das Handy in seinen Funktionen noch auf die praktische mobile Telefonverbindung beschränkt war und die Tür ins Internet öffnete, bot sich freie Sicht auf die Sehenswürdigkeiten dieser Welt. Es galt, Abstand vom Motiv zu halten, damit es ins Bildformat passte. Man störte sich nicht gegenseitig und hatte ausreichend Muse, um über das Klicken des Auslösers hinaus Landschaft und Orte auf sich wirken zu lassen. Doch seit die Phones fotografieren können, grassiert die Selfie-Manie, gehören Teleskopstangen zur Grundausrüstung jeder Reise. Mit dieser praktischen Armverlängerung passen auch noch die Freunde aufs Selbstporträt mit drauf, das schnell vor der Akropolis in Athen oder den pittoresken Mühlen auf Mykonos geknipst und sofort an die Lieben zu Hause verschickt wird. Heerscharen fremder Leute posieren vor Bauten und Denkmälern, die als reiner Hintergrund für den Laufsteg der Eitelkeiten dienen.

Wer sich Altertümer in Ruhe anschauen oder gar dem Geist historischer Stätten nachspüren möchte, kapituliert in diesem Gewusel der internationalen Schnappschussfreaks. In Manila auf den Philippinen hat ein Museum mit Nachbauten großer Werke eröffnet. Vor, auf und in ihnen kann man sich ohne jede Hemmung fotografieren. Gute Idee. Nur, wie packt man die Akropolis in ein Museum?

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Donnerstag, 22. Juni 2017 von Gudrun Stoll

Moderne Familienbande

Wie oft haben Sie heute schon ungeduldig darauf gewartet, dass ihr Smartphone neueste Nachrichten über das Weltgeschehen liefert und Facebook-Freunde Selfies aus dem Urlaub posten? Die sozialen Netzwerke sind schon eine feine Sache, solange man genügend Abstand bewahrt und auch mal eine Pause einlegt. Beim Besuch im Straßencafé an der Mittelmeerküste gibt es doch so viel Schönes zu sehen: Entspannt auf der Promenade schlendernde Menschen, kühn durch die Gassen kurvende Vespa-Fahrer, die im Hafen liegenden Schiffe. Doch am Nachbartisch interessiert weder der geeist servierte Espresso noch würdigt die Familie das stylische und doch einladende Ambiente des Cafés auch nur eines Blickes. Sohnemann lümmelt im Sessel und hämmert auf die Tastatur seines Handys ein. Parallel hört er mit Stöpsel im Ohr Musik, deren Wummern in wuchtigen Wellen über die gesamte Veranda rollt. Mutter kämpft, ebenfalls das Smartphone in der Hand, mit den Tücken der Technik und lässt sich bei der Suche nach einer WLAN-Verbindung schließlich vom Kellner helfen. Papa checkt die auf seinem Mobiltelefon eingehenden Geschäftsmails und die Tochter chattet mit der Freundin. Gut 60 Minuten dauert diese Lehrstunde modernen Familienlebens, in der viel kommuniziert, aber nicht miteinander geredet wird. Ein Entwurf der Zukunft? Na dann, viel Spaß in der schönen neuen Welt.

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Donnerstag, 8. Juni 2017 von Gudrun Stoll

Das Glück der Kindheit

In unser Überflussgesellschaft neigt man leicht dazu, alles für selbstverständlich zu halten. Volle Regale, Lebensmittel im Überfluss, Obst zu jeder Jahreszeit. Umso größer ist das Erstaunen, wenn Erdbeeren ab Mai nicht wie gewohnt stapelweise im Einkaufscenter stehen. Die Sommerfrucht ist in diesem Jahr ein knappes Gut. Schuld ist der Kälteeinbruch. Der baden-württembergische Landesverband der Erwerbsobstbauern geht davon aus, dass durch den Frost nur halb so viele Früchte geerntet werden wie in einem normalen Jahr. Die süße Versuchung wird zum knappen Gut – und der verwöhnte Konsument lernt die Arbeit der Erdbeeranbauer wieder etwas mehr zu schätzen, die täglich in aller Früh vom Bodensee mit den frisch vom Feld kommenden Früchten an ihre mobilen Verkaufsstände fahren und die Älbler mit Obst aus der Region versorgen. Da steht man selbst am Sonntagmorgen schnell in einer langen Schlange von Einkäufern und bezahlt auch gerne etwas mehr als im Supermarkt. Doch man wird belohnt: Mit Erdbeeren, die nicht nach Wasser schmecken, sondern genau jenen austarierten Geschmack von Süße und Sommer haben, den man noch aus Kindheitstagen kennt, als man zum Naschen flugs in den Garten ging und eine Handvoll Früchte pflückte. Ein echtes Glücksgefühl – auch ohne Sahnehäubchen.

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