Freitag, 1. September 2017 von Gudrun Stoll

Wer passt zu mir?

Vor jeder Wahl klicke ich mich durch die Fragen im Wahl-O-Mat. Bei der Bundestagswahl 2013 haben ihn 13,3 Millionen Menschen genutzt. Mich treibt die Neugier an, welche 38 Thesen die Bundeszentrale für politische Bildung als wichtigste Themen aus den Wahlprogrammen der Parteien herausfiltert und als Fragen präsentiert. Der Nutzer kann zustimmen, ablehnen oder eine neutrale Haltung einnehmen. Das geht recht fix und zum Schluss bekommt man das Ergebnis in Prozentzahlen präsentiert und kann seine eigenen Standpunkte mit den Positionen der Parteien vergleichen. Die Bandbreite reicht von der Obergrenze für Flüchtlinge über die Impflicht für Kinder bis zur Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Jedes Mal bin ich verblüfft, was unterm Strich rauskommt: Ich tauge nicht als hundertprozentiger Anhänger einer einzigen Partei und stimme bei einigen Themen sogar mit politischen Lagern überein, die ich im Leben nie unterstützen würde. Wer also zu mir passt, bedarf weiterer gründlicher Überlegungen. Ohne interaktive Hilfe aus dem Internet.

Da schaut man sich am besten auch das Spitzenpersonal und die Kandidaten im eigenen Wahlkreis an. Wem ich meine Stimme gebe, ist letztendlich auch eine Frage der Sympathie. Dabei kann der Wahl-O-Mat nicht helfen. Aber es lohnt wirklich, ihn mal zu starten. Schon der Überraschungsmomente wegen, die er parat hält.

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Mittwoch, 16. August 2017 von Gudrun Stoll

Unverhofftes Gärtnerglück

Als ich dieses Jahr Jungpflanzen für das Hochbeet im Garten einkaufte, fiel der Blick auf Gurkensetzlinge. Ob die in unseren Höhenlagen tatsächlich im Freien gedeihen, wagte ich kaum zu hoffen. Dennoch wanderten vier Stecklinge in den Einkaufskorb. Mehr aus Neugier denn aus Überzeugung, dass sie tatsächlich Ertrag abwerfen würden. Fachliteratur zu Rate zu ziehen, ließ ich lieber sein. Mein grüner Daumen ist nicht sonderlich ausgeprägt und ich habe mittlerweile die Erfahrung gemacht, dass auch meine Zimmerpflanzen am besten gedeihen, je weniger ich sie behüte und bemuttere. Also kamen die Setzlinge ins Freibeet, wurden bewässert und ansonsten in Ruhe gelassen. Ob's am Wetter liegt oder an den geheimnisvollen Wachstumskräften, die einem fachmännisch angelegten und mit Ästen, Laub, Kompost und Erde geschichteten Hochbeet inne wohnen, konnte ich bislang nicht ergründen. Die Gurkensetzlinge müssen sich jedenfalls pudelwohl gefühlt haben in der Nachbarschaft von Salatköpfen und Zucchini. Täglich kann ich wahre Prachtexemplare von Schlangengurken und Vespergurken in Hülle und Fülle ernten. Diese schmecken obendrein so gut, dass bei mir Massenware aus dem Discounter nicht mehr auf den Tisch kommt.

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Mittwoch, 9. August 2017 von Gudrun Stoll

Echte Schnäppchen

Ein solches Schnäppchen gibt es nicht alle Tage. Die Stadt Münsingen hat ihre gut 20 Jahre alte Freibadrutsche verkauft. Das Bad muss dringend saniert werden, Abbau und Lagerung der knallgelben Rutsche kämen zu teuer. Also entschied sich die Stadt zum Verkauf der 60 Meter langen und fünfeinhalb Meter hohen Spaßpipeline über EBay. Der Coup der rund 14 000 Einwohner zählenden Gemeinde im Landkreis Reutlingen erregte bundesweit mediales Aufsehen, das Interesse war riesengroß. Den Zuschlag für das gute Stück, das selbst abgeholt werden muss, erhielt gestern ein Seminarzentrum in Bayern.

Eine Geschichte zum Schmunzeln, die Erinnerungen weckt an eine Aktion, die Straßberg im Jahr 2013 in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Die Gemeinde bot damals das über zwei Jahrzehnte alte Löschfahrzeug der Feuerwehr ebenfalls auf dem Online-Markplatz zum Verkauf an. Mit Erfolg. An der Auktion beteiligten sich 23 Bieter. Für den Magirus Deutz, der seit seiner Zulassung im Jahr 1980 treu seinen Dienst versah, kletterte das Höchstgebot auf 4600 Euro. Ersteigert hat den Feuerwehr-Oldtimer ein alteingesessener Straßberger Bürger. Zur Freude der Floriansjünger, denn so blieb es in der Heimat.

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Dienstag, 11. Juli 2017 von Gudrun Stoll

Beethoven und Schwarzer Block

Was für schlimme Bilder haben uns übers Wochenende aus Hamburg erreicht. Man fühlte sich an Straßenschlachten während der Rassenunruhen in den USA erinnert. Was für ein Debakel. Unbedingt wollte der Gastgeber den Staats- und Regierungschefs des G 20 Gipfels die Elbphilharmonie präsentieren und stülpte dafür der gesamten Innenstadt eine undurchdringliche Sicherheitsglocke über, für deren Abschirmung Hundertschaften an Polizisten abgestellt waren. Diese fehlten, als im Schanzenviertel der Mob seine Orgie aus Gewalt und gezielter Zerstörungslust startete. Am Tag danach folgten die üblichen Reaktionen der Politiker, die sich schockiert und fassungslos zeigten über das Geschehen auf der Straße, während im Konzertsaal Beethovens Neunte erklang. Die „Ode an die Freude“ muss den Hamburgern wie Hohn in den Ohren geklungen haben. Zu Tausenden brachten sie am Sonntag ihre Stadt wieder auf Vordermann. Die 22-jährige Rebecca Lunderup hatte über Facebook zu dieser Aktion aufgerufen. Vom Bundespräsidenten kam dafür ein dickes Dankeschön. Noch schöner wäre es gewesen, wenn einige Politiker die Ärmel hochgekrempelt und selbst Eimer und Besen in die Hand genommen hätten. Sie haben schließlich die Hauptverantwortung für das Desaster zu tragen.

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Dienstag, 27. Juni 2017 von Gudrun Stoll

Ich und die Akropolis

Für Hobbyfotografen sind schwere Zeiten angebrochen. Als das Handy in seinen Funktionen noch auf die praktische mobile Telefonverbindung beschränkt war und die Tür ins Internet öffnete, bot sich freie Sicht auf die Sehenswürdigkeiten dieser Welt. Es galt, Abstand vom Motiv zu halten, damit es ins Bildformat passte. Man störte sich nicht gegenseitig und hatte ausreichend Muse, um über das Klicken des Auslösers hinaus Landschaft und Orte auf sich wirken zu lassen. Doch seit die Phones fotografieren können, grassiert die Selfie-Manie, gehören Teleskopstangen zur Grundausrüstung jeder Reise. Mit dieser praktischen Armverlängerung passen auch noch die Freunde aufs Selbstporträt mit drauf, das schnell vor der Akropolis in Athen oder den pittoresken Mühlen auf Mykonos geknipst und sofort an die Lieben zu Hause verschickt wird. Heerscharen fremder Leute posieren vor Bauten und Denkmälern, die als reiner Hintergrund für den Laufsteg der Eitelkeiten dienen.

Wer sich Altertümer in Ruhe anschauen oder gar dem Geist historischer Stätten nachspüren möchte, kapituliert in diesem Gewusel der internationalen Schnappschussfreaks. In Manila auf den Philippinen hat ein Museum mit Nachbauten großer Werke eröffnet. Vor, auf und in ihnen kann man sich ohne jede Hemmung fotografieren. Gute Idee. Nur, wie packt man die Akropolis in ein Museum?

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