Dienstag, 21. November 2017 von Gudrun Stoll

Tiefe Kluft ist spürbar

Umfragen auf der Straße gehören nicht zum dankbarsten Geschäft eines Redakteurs. Es mag sein, dass die Bewohner in den Großstädten auskunftsfreudiger sind als die Menschen auf dem Land. In der Provinz gehen die Uhren halt etwas anders. Der Schwabe bruddelt zwar gerne, er diktiert seine Gedanken aber nicht zuvorderst in den Schreibblock und das Mikrofon von Journalisten. Stimmen einzufangen zum Scheitern der Jamaika-Koalition entpuppte sich gestern daher als schwieriges Unterfangen. Bei vielen jüngeren Leuten scheint das Interesse an Politik nicht sehr ausgeprägt zu sein. Andere scheuen sich, ihre Meinung öffentlich zu sagen, um nicht als radikal zu gelten. Aber sie sind stocksauer auf Politik und Politiker.

Das verwundert in einem Land, im dem die Steuereinnahmen sprudeln und ein Großteil der Menschen gut leben kann. Aber auch auf der Alb schaut man bangen Blickes in die Zukunft. Das Schlagwort von der Altersarmut weckt diffuse Ängste, die Globalisierung wird als Bedrohung für Arbeitsplatz und Wohlstand empfunden. „Man wird nicht mehr gehört“, schimpft ein Mann. Er meint damit Otto Normalverbraucher, der täglich zur Arbeit geht, seine Steuern bezahlt und nicht mehr versteht, was in der Politik abgeht. Auf der Straße ist diese tiefe Kluft spürbar.

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Donnerstag, 16. November 2017 von Gudrun Stoll

Da wiehert Fury fröhlich

Wie es wohl um die Finanzen der knapp 9900 Einwohner zählenden Stadt Mengen steht? Der Gemeinderat jedenfalls hat nach weiteren Geldquellen gesucht und mit der Einführung der Pferdesteuer geliebäugelt. Mengen hätte Geschichte geschrieben als erste Stadt im Land, die eine solche Steuer erhebt. Aber das Thema ist wieder vom Tisch. Der Bürgermeister zeigte sich von der Idee wenig begeistert, fürchtete ums Image der Stadt. Außerdem sei die Erhebung der Steuer viel zu kompliziert. Für jährlich 13 000 Euro oder ein paar Cent mehr lohne der Aufwand nicht.

Lassie & Co. sind durchaus lukrativer. Meßstetten nimmt pro Jahr rund 58 000 Euro an Hundesteuer ein, die Stadt Albstadt rechnet für das Jahr 2018 mit stattlichen 195 000 Euro. Die

Hundesteuer spült also ordentlich Geld in die Kassen der Kommunen, im Jahr 2013 sollen es bundesweit 299 Millionen Euro gewesen sein. Welcher Kämmerer mag auf eine solche Einnahmequelle freiwillig verzichten? Die Steuer soll außerdem dafür sorgen, die Zahl der Hunde zu begrenzen und die Haltung der besonders hoch besteuerten Kampfhunde im Rahmen zu halten.

Über den Hundehaufen auf dem Gehsteig oder Spazierweg stolpert man eher als über einen selten auf den Asphalt fallenden „Roßbolla“, der überdies gute Dienste als Dünger erfüllt. Ob die Luxussteuer für Hunde dennoch längst aus der Zeit gefallen scheint, darüber lässt sich so trefflich streiten wie über die Frage, warum der Staat bei Katzen die Hand nicht aufhält.

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Mittwoch, 8. November 2017 von Gudrun Stoll

Erziehung nach Schweizer Art

Wir Deutschen können wohl gar nicht anders, als aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Bis auf der A 81 zwischen Engen und Geisingen auf einem Streckenabschnitt von sage und schreibe 16,8 Kilometern ein Tempolimit durchgesetzt war, mit dem sowohl CDU wie auch Grüne leben können, bedurfte es zäher Verhandlungen. Es gab Streit, Verkehrsminister Winfried Hermann bezog verbale Prügel von jenen Politikern, die Wähler mit PS starken Autos bei Laune halten müssen. Nun gilt Tempo 130 – und die Koalition hat's überlebt. Du meine Güte. Sehen wir es einfach mal pragmatisch: Die Vielfahrer in Richtung Grenze wird's ärgern, die ihre Rennleidenschaft auf deutschen Autobahnen auslebenden Schweizer vielleicht ein bisschen beeindrucken. Oder auch nicht.

Aber ergänzend zu den Verkehrsschildern 150 000 Euro aus Mitteln des Ministeriums und der Fraktionen für eine Aufklärungskampagne locker zu machen, ist purer Aktionismus. Was drauf steht, steckt auch drin. Will heißen: Wo Tempo 130 gilt, darf halt nicht schneller gefahren werden. Dazu bedarf es keiner aus Steuermitteln finanzierten Nachhilfe. Auf den Nationalstraßen der Schweiz gilt Tempo 120. Wer sich nicht dran hält und erwischt wird, zahlt saftige Strafen und riskiert ein Fahrverbot. Kein Verkehrssünder wird sich auf juristischen Streit einlassen, weil er den Kürzeren zieht. So funktioniert Erziehung nach Schweizer Art.

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Donnerstag, 2. November 2017 von Gudrun Stoll

Goldrichtige Entscheidung

Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass der Bäcker am Sonntag frische Brötchen backt. Ich persönlich habe auch gar nichts gegen zwei verkaufsoffene Sonntage im Jahr einzuwenden. Nun fällt in diesem Jahr auch Heiligabend auf einen Sonntag und eine Sonderregelung erlaubt Geschäften, die Lebensmittel verkaufen, am 24. Dezember von 10 bis 14 Uhr zu öffnen. Eine gute Nachricht für Kunden, die in letzter Minute noch die Zutaten fürs Festmenü besorgen. Ein Horrorvorstellung für jeden Mitarbeiter an Kasse oder Bedientheke. Die Tage vor dem Fest sind schließlich nervenaufreibend genug – und dann auch noch Sonntagsarbeit an Heilig Abend. . .

Muss nicht sein, sagen die Manager von Aldi, Rewe und Penny. Diese drei großen Discounter werden, so stand es in Stern und Focus zu lesen, ihre Türen an Heiligabend nicht öffnen. Sie verzichten auf Umsatz, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihren Familien oder im Kreis der Freunde stressfrei Weihnachten feiern können. Eine gute Entscheidung, für die man Wirtschaftsbosse auch mal loben darf.

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Mittwoch, 25. Oktober 2017 von Gudrun Stoll

Ungemütliche Gedankenspiele

Flohmärkte gehören zu jenen Orten, die ich seit Jahren gerne besuche. So manches lohnende Schnäppchen habe ich im wilden Sammelsurium schon gefunden. Leer gehe ich nie nach Hause. Mindestens ein Buch steckt immer in der Tasche. Als Krimifan griff ich vor kurzem zu einem Taschenbuch, von dem ich mir zunächst gar nicht so viel erwartete, obwohl der Klappentext Spannung pur versprach.

Kaum waren die ersten Seiten gelesen, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Rede ist von „Blackout“, einem 2012 erschienenen Thriller. Der Wiener Autor Marc Elsberg entwirft darin das Szenario eines flächendeckenden Zusammenbruchs der Stromversorgung in weiten Teilen Europas. Ursache ist keine Naturkatastrophe, sondern ein gezielter Angriff von politisch motivierten Hackern auf sensible Punkte der Stromversorgung. Mit fatalen Folgen: Atomkraftwerke spielen verrückt, Nahrung wird knapp, Seuchen brechen aus, die Menschheit steht kurz vor dem Bürgerkrieg. Reine Fiktion? Von wegen. Elsberg erhielt für seinen gut recherchierten Roman die Auszeichnung „Wissensbuch des Jahres 2012“, Fachleute attestierten ihm Realitätsnähe und den Leser packt das Grauen vor dem, was tatsächlich möglich wäre, wenn ein Stromausfall für längere Zeit den Alltag lahmlegt. Im Trödel lagern manchmal wirklich Schätze. Und lesen lohnt sich bekanntlich immer.

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