Mittwoch, 7. März 2018 von Gudrun Stoll

„Frau, schmeiß Hirn ra!“

Die schwäbischen Geschichten, die der Degerlocher Schriftsteller Gerhard Raff 1985 unter dem Titel „Herr, schmeiß Hirn ra!“ veröffentlicht hat, stehen bis heute als Preziose in meiner Büchersammlung. Immer, wenn Politiker/Innen unnötige Ideen in die Welt setzen, denke ich an dieses flehende Stoßgebet gen Himmel, die Menschen mögen doch ihre kleinen grauen Zellen besser nutzen. Als ob es in diesen unruhigen und unguten Zeiten nicht genug Probleme zu lösen gäbe, bricht die Gleichstellungsbeauftragte des Familienministeriums eine Diskussion um den Text der Nationalhymne vom Zaun. Der Begriff Vaterland sei nicht mehr zeitgemäß, das brüderliche Streben mit Herz und Hand nicht gendertauglich. Geht es nach dem Willen der Sozialdemokratin Kristin Rose-Möhring, singen wir künftig lieber vom Heimatland, nach dessen Freiheit wir couragiert mit Herz und Hand streben.

Um Himmels Willen. Sind das Sorgen nach der monatelangen Hängepartie, für das Vater-Mutter-Heimat-Land überhaupt eine Regierung zu finden. Ich gehöre nicht zur Generation der 68er. Aber in den 70er Jahren wäre in meiner Altersklasse niemand auf die Idee gekommen, eine Flagge im Garten zu hissen oder den Text der Nationalhymne mitzusingen. Und um der Wahrheit genüge zu tun: Die Deutschen haben den etwas lässigeren Umgang mit Schwarz-Rot-Gold nicht von der Politik gelernt. Da musste schon ein Wunder geschehen, das den Namen Fußball-WM 2006 trägt.

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Mittwoch, 28. Februar 2018 von Gudrun Stoll

Fluchen macht schlau

Hand aufs Herz: Wann haben Sie zum letzten Mal aus vollem Herzen geflucht ? Wer behauptet, diese Art Gefühlsregung sei ihm völlig fremd, der flunkert ein wenig. Fluchen gehört ins menschliche Verhaltensrepertoire. Es gibt tatsächlich wissenschaftliche Untersuchungen, die ergründen, warum Mensch mit Kraftausdrücken um sich werfen und wie sich die Flüche regional und kulturell unterscheiden.

Ich jedenfalls habe mich gestern saumäßig geärgert, als ich am frühen Vormittag nach einem Arztbesuch zur Parkbox in der Ebinger Innenstadt eilte. Ein Zeitgenosse hatte sich, obwohl es ausreichend Platz gab, mit seinem Vehikel so eng an mein Auto geschmiegt, dass ich kaum noch die Fahrertüre öffnen, geschweige denn ans Ausparken denken konnte. Der heilige Zorn brach sich Bahn in einer schwäbischen Schimpftirade, die einen Nachbarn aufhorchen ließ und ihm ein trockenes „Ha no“ entlockte. Die unbürokratische Hilfe eines netten Passanten, der mich in Zentimeterarbeit und ohne jeden Kratzer im Blech aus dem Engpass lotste, hat mich wieder geerdet.

Fluchen macht schlau, tröstete mich ein Kollege, als ich vom etwas holprigen Start in den Tag erzählte. Und tatsächlich fand ich im Internet Berichte über wissenschaftliche Untersuchungen, wonach Psychologen und Sprachwissenschaftler davon überzeugt sind, dass Menschen, die viele Schimpfwörter kennen, einen breiteren Wortschatz und eine höhere Sprachkompetenz haben, als diejenigen, die sich vornehm zurückhalten. Da der Schwabe im Schimpfen und Fluchen ganz in seinem Element ist und auf einen schier unerschöpflichen Vorrat an Worten zurückgreifen kann, gilt er sogar als besonders kreativ und schlau. „Ha no“. Aber übertreiben sollten wir's nicht.

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Donnerstag, 22. Februar 2018 von Gudrun Stoll

Das Ende des Wurstzipfels

Olympische Spiele haben für mich längst jenen Glanz verloren, den ich in den Jugendjahren noch mit dem Satz „Dabei sein ist alles“ verbunden habe. Wer glaubt heute noch an Spiele ohne Doping oder an die Mär, bei der Vergabe des alle vier Jahr anstehenden Großevents gehe es um etwas anderes als Geld und Profit? Dennoch schaue ich immer noch gerne zu, wenn unsere Sportler top Leistungen zeigen, Medaillen erringen oder zu tragischen Helden werden. Doch wer kann sich schon ganze Nächte um die Ohren schlagen oder Urlaub nehmen, um live bei den Wettkämpfen in Südkorea mitzufiebern? Man muss ja froh sein, dass ARD und ZDF im Poker um die Übertragungsrechte eine Sublizenz ergattert, besser gesagt, für viel Geld erkauft haben. Wer tagsüber allerdings keine Gelegenheit hat, Olympia zu schauen, dem bleibt auch am Abend das Nachsehen. Österreich und die Schweiz bieten ihren Bürgern jeden Abend nach der Tagesschau eine Zusammenfassung der Höhepunkte. Danach sucht man bei den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland vergeblich. Tagesthemen und Heute Journal sind zu später Stunde der an kurzer Kette gehaltene Rettungsanker. Das ist ärgerlich, denn wir bezahlen ja schließlich das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

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Freitag, 9. Februar 2018 von Gudrun Stoll

Heidanei, was für Zeiten

Ha so ebbes, ums auf gut Schwäbisch zu sagen: Vor lautet Trubel kommt man ja fast nicht zum Verschnaufen. Erst kommen die GroKos in Berlin endlich zu Potte, kriegen einen Vertrag zustande, verteilen erste Posten – und wenn's kein weiteres politisches Erdbeben gibt, zieht ins Kabinett der Baureihe Merkel 4.0 gar eine waschechte Zollernälblerin ein. Respekt.

Kaum sind die Nachrichten von der Spree in alle Welt gelinkt, getwittert und gepostet, nimmt uns der Auselige mit Weiberfasnet, Rathaussturm und Ritterschlag in Besitz. Auch die Fasnetsmuffel. Zu deren Trost sei angemerkt: Die Tage der Narretei sind gezählt. Doch im fastnächtlichen Tohuwabohu ist fast untergegangen, dass uns eine neue Zeitrechnung blüht. Das Europäische Parlament stimmt darüber ab, ob die Sommerzeit wieder abgeschafft wird. In diesem Jahr werden wir noch krampfhaft überlegen müssen, ob am Tag der Umstellung der Zeiger eine Stunde vorgestellt wird oder uns 60 Minuten Zeit geschenkt werden.

Das könnte sich ändern, wenn die EU-Richtlinie zur Sommerzeit gestrichen wird, denn sie hat ihr Ziel verfehlt: Energie lässt sich nicht einsparen. Und es dauert gefühlt eine schiere Ewigkeit, bis Mensch und Tier den veränderten Rhythmus verdaut haben. Heidanei, staunt der Schwabe: Es gibt Augenblicke, da geht auch den Bürokraten in der EU ein Licht auf.

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Donnerstag, 1. Februar 2018 von Gudrun Stoll

Kabale und Karneval

Was treibt mich um in diesen Tagen ? Um mit ganz Alltäglichem zum beginnen: Das Wetter, das hoffentlich seine schlimmsten Kapriolen geschlagen hat. Das Dschungelcamp? Ich bekenne, dass ich geschaut und mich über die Zickereien, Peinlichkeiten und Ekelprüfungen im Camp der Selbstdarsteller amüsiert habe. Für eine kleine Weile. Doch als Alternative zum drögen Dschungelalltag taugt die durch alle Kanäle schwappende Fernsehfasnet nicht. Die Riege erstklassiger Büttenredner ist klein und reicht bei weitem nicht aus, um das Publikum vor dem Fernseher über drei Stunden bei Laune zu halten. Meine Hoffnungen ruhen auf der Franken-Fasnet aus Veitshöchheim, die am Freitag live übertragen wird und dem bayerischen Fernsehen Jahr für Jahr Spitzenquoten beschert.

Was mich bei Laune hält, sind die karnevalistischen Einlagen nach Gutsherrenart, präzise gesagt das politische Kasperletheater, das zwei hochrangige Regierungsmitglieder der Landes-CDU derzeit aufführen. Ja, ja, gemeint sind natürlich Strobl und Reinhart, deren parteiinterner Machtkampf sogar die Grundfesten des Koalitionsvertrags erschüttert. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Oder gar weiterdenkt und den närrischen Faden weiterspinnt. Bis auf des Heubergs Höhen. Dort hält der Narr seinen Spiegel gen Stuttgart und fragt ihn nach dem ungelösten Rätsel um die Vergabe des Polizeischulen. Und das gläserne Orakel in des Eulenspiegels Hand antwortet: Kabale.

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