Mittwoch, 27. Juni 2018 von Gudrun Stoll

Albtraum im Dreivierteltakt

Mehr als 30 Millionen Touristen nehmen jährlich Venedig ein. In der einst auf 118 künstlichen Pfahlinseln erbauten Lagunenstadt herrscht Tag für Tag Belagerungszustand. Die Reiseführer halten mit hoch in den Himmel gereckten Schirmen und Täfelchen ihre Gruppen in Schach, damit die Gäste aus aller Herren Länder in den drangvoll engen Gassen nicht verloren gehen. Der Markusplatz ersäuft in der Masse Mensch. Der von Napoleon einst als schönster Festsaal Europas bezeichnete Platz ist fest in der Hand von Touristen, Tauben – und jener erschreckend schnell wachsenden Spezies von Mensch, die am Selfie-Wahn leidet und sich vor dem Dogenpalast für das Selbstpotrait in Pose stellt. Wenn die Gondoliere ihre Barken vertäuen, kehrt Ruhe ein in den Kanälen und Seitenstraßen. Doch der abendlich illuminierte Markusplatz wartet mittlerweile nicht nur zur Winterzeit mit einem Phänomen auf, das die Touristen ebenso fasziniert wie die historischen Bauten. Flut und Scirocco drücken das Wasser der Adria landeinwärts, der nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegende Platz wird daher immer wieder überflutet.

Zuerst sprudelt das Wasser aus den Abflusskanälen, dann bilden sich Inseln, die sich nach und nach zu einer großen Wasserfläche vereinen. Ein packendes Schauspiel, das viele Nachtschwärmer in Plastikstiefeln genießen oder barfuß, sich im Dreiviertaltakt und feurigen Tangorhythmen der in den Lokalen aufspielenden Kapellen wiegend. Ein Tanz auf dem Vulkan, entzündet vom langsam steigenden Meeresspiegel, dem sinkenden Baugrund und dem Tribut an den Massentourismus, der durch die Invasion der Kreuzfahrtschiffe noch beflügelt wird. Venezia, die Stolze und Schöne, kämpft gegen den Untergang. Aber Venedig gehört zu jenen Orten, die man einmal im Leben gesehen haben muss. So wie ich. Auch wenn's zum Albtraum wird.

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Donnerstag, 24. Mai 2018 von Gudrun Stoll

Lieber Malle statt pauken

Mit allem hätten die Passagiere wohl gerechnet, aber wohl kaum mit einer Schulschwänzer-Razzia der bayerischen Polizei. Den Gesetzeshütern gingen auf den Flughäfen Nürnberg und Memmingen 20 Familien ins Netz, die lieber in den Pfingsturlaub flogen, als ihre Kinder in den Unterricht zu schicken.

Das Erstaunen über die klare Kante der Polizei ist groß, die reflexartig folgende öffentliche Diskussion hingegen war zu erwarten – und macht wieder einmal sprachlos. Bundeselternrat und die Lehrergewerkschaft GEW üben den Schulterschluss und kritisieren den Einsatz der Polizei als übertrieben. Verständnis wird geäußert an der Haltung der Eltern, die ihren Kids Freibriefe fürs Schulschwänzen ausstellen, weil die Flüge kurz vor dem Urlaub billiger und die Straßen weniger verstopft sind. Obwohl sie ganz eindeutig gegen Regeln verstoßen. Schöne Vorbilder.

Ja wo leben wir eigentlich? Ich ging samstags noch regelmäßig zur Schule, Pfingstferien kannten wir gar nicht. Wer als Familie früher in den Sommerurlaub starten wollte, weil sich die Möglichkeit bot zu einer Reise in ferne Länder, die Kindern kulturell und auch sprachlich ganz neue Horizonte öffnete, holte sich das Einverständnis von Klassenlehrer und Schulverwaltung ein. So, wie es sich gehört. Ein Totschlagsargument aus längst vergangenen Tagen? Mag sein. Aber Lehrerverbände, die Nachsicht dafür zeigen, dass sich Eltern Regeln so zurecht biegen, wie es gerade in ihre Urlaubsplanung passt, überspannen den Bogen. Null Verständnis erntet diese Haltung meinerseits. Zumal wir in Deutschland eh über Autoritätsverlust klagen. Müssen wir uns noch wundern?

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Samstag, 19. Mai 2018 von Gudrun Stoll

Denkzettel fürs Leben

Diese Geschichte hat sich in Amerika zugetragen: Mit versteckter Kamera hat National Geographic eine Frau gefilmt, die auf kürzestem Wege in ein Restaurant wollte und ihren Wagen auf einem Parkplatz abstellte, der für Behinderte reserviert war. Wo Knöllchen keine Wirkung zeigen, hilft möglicherweise Selbsterkenntnis: Das TV-Team jedenfalls parkte hinter dem Auto der Frau einen Van, in dem Menschen mit Behinderungen saßen. Danach halfen die Fernsehleute, so langsam wie möglich, den Menschen aus dem behindertengerechten Vehikel. Als die Frau aus dem Restaurant kam, musste sie – peinlich berührt – warten, bis alle Fahrgäste und Rollstuhlfahrer den Wagen verlassen hatten. Eine Lehre hoffentlich fürs Leben.

Die „Hoppla jetzt komm' ich“-Mentalität“ greift auch in unseren Landen immer mehr um sich. Die Sigmaringer Feuerwehr macht nun mit einer Aktion mobil gegen Falschparker und heftet Flyer an die Windschutzscheibe von Fahrzeugen, die Rettungsfahrzeugen die Anfahrt zu Unfällen, Notfällen und Bränden erschweren. „Wir retten Leben – wenn Sie uns lassen“, lautet das Motto auf dem Faltblatt. Ein Denkzettel im wörtlichen Sinne, der sensibilisieren und zum Nachdenken anregen soll. Im eigenen Interesse. Denn wer die Helfer selbst braucht ist froh, wenn diese schnell anrücken.

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Samstag, 28. April 2018 von Gudrun Stoll

Selten so geschmunzelt

Tübingen sorgt dieser Tage mit eigenem Geld für ordentlich Furore. Der violette 0-Euro-Schein ist auf dem gleichen Papier wie echte Geldnoten gedruckt und zeigt das Motiv der Neckarfront. Die Rückseite zieren bekannte Bauwerke wie der Eiffelturm oder das Brandenburger Tor. Sammler machen bereits Jagd auf das Souvenir, das natürlich nicht zum Nulltarif zu haben ist. Aber die Auflage von 5000 Stück lässt den Wert über die Jahre steigen. Da sind drei Euro wirklich gut angelegt.

Der zweite Streich ist einem Anonymus aus Reutlingen gelungen, der in der Nähe eines Gymnasiums ein Schild aufgehängt hat, das im In- und Ausland Aufmerksamkeit erregt. Das dreieckige Schild mit rotem Rand warnt vor „Smombies“. Noch nie etwas von dieser Spezies gehört? Das ist nicht weiter schlimm, aber gesehen hat schon jeder die jungen Frauen und Männer, die wie hypnotisiert auf ihr Smartphone starren, während sie die Straße überqueren. Für den professionell wirkenden Gag gab es haufenweise Lob fürs Reutlinger Stadtmarketing. Doch aus dem Rathaus kommt die Idee nicht. Und dummerweise darf das „Smombie“-Schild auch nicht hängen bleiben. Die Straßenverkehrsordnung kennt da kein Pardon. Schade, denn besser lässt sich das aus den Begriffen Smartphone und Zombie gebildete Kunstwort „Smombie“ grafisch nicht umsetzen. Und der Erfinder hat wirklich kein Bußgeld für seine Ordnungswidrigkeit verdient, sondern einen Orden.

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Mittwoch, 25. April 2018 von Gudrun Stoll

Glückshormone und Pollenflug

Herz, was begehrst du mehr? Der nasskalte und lange Winter ist endlich überstanden. Die Sonne weckt die Lebensgeister. Körper und Seele erwachen aus dem Ruhemodus. Das Wochenende konnten selbst die Älbler bis in die Abendstunden auf der Terrasse ausklingen lassen. Der launische April kann auch ganz anders: Es gab schon Jahre, da lag um diese Zeit noch eine zentimeterhohe Schneeschicht im Garten.

Doch erfreuen wir uns lieber an den warmen Sonnenstrahlen und den Glückshormonen, die der Körper durch die stärkere Lichteinstrahlung im Frühjahr ausschüttet. Die ersten Cabrios sind unterwegs, die Mountainbiker quälen sich über Kuppen, durch Kurven und Kehren, um Kondition zu tanken für die Sportevents des Sommers.

Auch die Natur schlägt Purzelbäume. Fröhliches Vogelgezwitscher läutet jeden neuen Morgen ein, die Blumen setzen auf Wiesen und in Beeten bunte Tupfer. Sträucher und Bäume treiben ihre Blüten aus, entfalten eine regelrechte Farbexplosion in strahlendem Weiß, zartem Rosa und kräftigem Purpur.

Nix wie raus, lautet die Devise. Nur zwei Wermutstropfen mischen sich in die Aufbruchstimmung: Wo Pollen fliegen, gedeiht auch der Heuschnupfen. Und selten noch habe ich erlebt, dass Blütenstaub so zäh auf der Windschutzscheibe des Autos klebt wie in diesem Jahr.

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