Samstag, 11. November 2017 von Holger Much

Zu alt für Rock 'n' Roll?

Laut war es oftmals, so oft ich meiner größten platonischen Liebe nach ging, die, ganz nach John Miles, natürlich die Musik ist. Nichts Schöneres, als auf ein Konzert zu gehen, dort die Minuten voller Versprechungen vor dem Auftritt zu genießen, um sich dann ganz fallen zu lassen in die Magie von Klang, Melodie und überbordendem Gefühl. Und dazu gehört natürlich auch eine gewisse Dezibelzahl.

Bei den Stranglers fuhr mir, ich weiß es noch wie heute, ein majestätischer Bass bis tief in den Magen, die Pogues zu ihren besten Zeiten waren lauter als manche Metalband und auch gestrenge Jungs der so genannten neuen Deutschen Härte wie Oomph!, Rammstein oder Eisbrecher musizierten stets mit der Eleganz einer Dampfwalze in voller Fahrt.

Als ich jüngst dem Konzert eines befreundeten Herrn lauschte und die Band sehr zur Freude der Besucher so richtig Gas gab, musste ich jedoch mit Schrecken feststellen, dass mir so etwas einfach nicht mehr leicht fällt. Erstens streikt vom langen Stehen der Rücken, zweitens strengt mich die extreme Dauerberschallung mittlerweile an, auch wenn mir die Musik sehr gefällt. Ich brauche immer mehr stille Inseln, in denen auch mal ohne Stecker fein musiziert wird. Das erschreckt mich. Bin ich mittlerweile zu alt für Rock 'n' Roll?

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Samstag, 26. August 2017 von Holger Much

Im mir arbeitet das Sofa-Gen

Kennen Sie die Gen-Variante DRD4-7R? Diese besondere Mutation des für den Dopaminhaushalt zuständigen DRD4-Gens, das auch als Entdecker-Gen apostrophiert und bekannt wurde? Mehrere Untersuchungen legen einen Zusammenhang nahe zwischen diesem speziellen Element in unserem Erbgut sowie der Neugier und der Liebe zu Veränderung, Bewegung und Risiken. Rund 20 Prozent der Menschheit trägt dieses Entdecker-Gen offenbar in sich, das es einem leicht macht, neue Horizonte zu erobern.

Dazu, so denke ich mir, gehören sicher die Flugkünstler der Royal Jordanian Falcons. Wenn ich mir so ansehe, was diese Teufelskerle so an Stunts in der Luft hinlegen, bleibt mir die Spucke weg. Und ich spüre deutlich: ich trage dieses Gen nicht in mir. Eher das Sofa-Gen.

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Donnerstag, 24. August 2017 von Holger Much

Eigentlich ist Herbst schön

Im Prinzip mag ich den Herbst ja ganz gern. Nein, wenn ich genauer darüber nachdenke, dann mag ich den Herbst sogar wirklich sehr gern. Ich mag die goldene Sonne, die alles in ein milde stimmendes, sanftes Licht taucht. Ich mag das raschelnde, duftende bunte Laub und herbstliche Genüsse wie Zwiebelkuchen mit Suser. Und die geheimnisvollen Nebel, die in dieser Jahreszeit aus den Wiesen steigen und über den Flusstälern hängen, mag ich ganz besonders, sogar die leise Melancholie der Herbstabende.

Dennoch begegne ich dieser Jahreszeit mit Zurückhaltung und erwische mich selbst dabei, mich zu bemühen, den Herbst nicht zu sehr zu mögen. Denn was mich am ihm stört: Ihm folgt der Winter nach mit seiner Kälte, Nässe und Dunkelheit – und mit Schnee. Das trübt die Freude. Natürlich ist erst August. Doch schon am 22. September ist Tag-und-Nacht-Gleiche. Und wer den Wald betrachtet, sieht, dass sich die Blätter bereits verfärben und die Kastanien reifen. Die dritte Jahreszeit winkt schon am Horizont. Doch dieses Jahr habe ich mir fest vorgenommen, sie zu genießen. Denn eigentlich mag ich den Herbst recht gern.

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Samstag, 19. August 2017 von Holger Much

Schönheit des Räuberlöffeles

Wissen Sie eigentlich, was ein Räuberlöffele ist? Ich gestehe, ich wusste es bis vorgestern nicht, bin aber total verzaubert von der Schönheit dieses Begriffs.

Unsere wunderbare deutsche Sprache ist eine wahre Fundgrube für Worte, die Schönheit und Lyrik in sich tragen. Nimmt man ihren Klang in sich auf und lässt die in ihnen schlummernden Bilder vor dem inneren Auge entstehen, öffnet sich eine bunte Welt voll malerischer Impressionen. Da gibt es so herrliche Schöpfungen wie den Altweibersommer, den Dreikäsehoch oder die Gardinenpredigt.

Das Wolkenkuckucksheim ist auch einer dieser schönen Begriffe, zählt sogar mit zu meinen Lieblingswörtern, genauso wie der Sankt-Nimmerleins-Tag oder der Muffel.

Nun gehört das Räuberlöffele dazu. Ich durfte es am Donnerstag Abend in einem Tailfinger Gasthaus kennen lernen, in Kombination mit einem leckeren Nachtisch aus mehreren feinen Komponenten. Die Süßspeise war nicht für mich, sondern für meine Frau, der der Teller dann auch mit Dessertlöffel serviert wurde. Doch auch ich bekam ein Esswerkzeug entgegengestreckt mit der charmanten Bemerkung: „Und für Sie noch ein Räuberlöffele.“ Ich freute mich sehr – über das Räubern auf fremden Tellern. Und über das Wort.

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Donnerstag, 10. August 2017 von Holger Much

Nur nicht zu oldschool sein

Als „lächerliche Angeber-Anglizismen“ diskreditiert der Verein der Deutschen Sprache viele der bereits 2013 im Duden aufgenommenen Wörter. Jetzt, bei der jüngsten, der insgesamt 27sten Neuauflage des Duden, sind es noch viel mehr dieser Anglizismen geworden. Und ich spüre in mir unerwarteterweise den Drang, mich dieser Kritik doch zumindest ansatzweise anzuschließen. Doch ich wehre mich mit allen Kräften dagegen.

Seit 2013 bereits findet sich im Duden der Shitstorm. Wörter wie Snapchat, die berüchtigten Fake News, das Selfie, die Emojis, oder die auch von mir selbst gelegentlich verwendeten Verben facebooken oder liken wurden erst ganz frisch hinzugefügt.

Bis hierher verstehe ich all das ja auch noch ansatzweise und weiß, was gemeint ist. Bei Begriffen wie Adblocker, swappen und tindern wird es dann schon schwierig, und die Bedeutung von Verben wie cracken oder taggen ist mir komplett schleierhaft.

Insgesamt 5000 neue Wörter lassen sich in dem gewichtigen Nachschlagewerk entdecken. Viele davon muss ich erst mal gegenchecken – ebenfalls eines der neuen Dudenwörter. Und jedes Mal, wenn ich spüre, wie in mir dunkler und Oldschool-Unwillen aufsteigt angesichts von Begriffen wie fancy oder Work-Life-Balance, rufe ich mich selbst zur Ordnung : „Sprache lebt. Sie verändert sich. Das ist voll chillig.“

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