Donnerstag, 17. September 2009 von Holger Much

Verloren in der Wildnis...

„Seltsam im Nebel zu wandern! Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein“, drängten sich jüngst mit sanfter, unheilvoller Macht diese Zeilen Hermann Hesses in mein Bewusstsein, als ich – welch Zufall – allein spazieren war. Denn mein Handy ist seit Freitag kaputt.

Was hat nun Hesse mit Handy zu tun, fragen Sie sich? Viel! Denn die schlichte, nüchterne und grauenerregende Tatsache, ohne diesen kleinen, oft nervigen Kommunikationszwerg eben wirklich nicht mehr immer und überall mit fast jedem zu jeder Zeit in Kontakt treten zu können, traf mich mit Wucht im denkbar falschen Moment:

Zuerst ärgerte ich mich darüber, dass das neue Handy schon nach einem halben Jahr den Geist aufgab. Dann verspürte ich – oh Wunder – doch unerwartet ein Gefühl von Freiheit, eben weil ich nicht mehr überall erreicht werden kann. Und weil nun auch ich selbst gar nicht mehr die Möglichkeit habe, mich immer und überall zu melden. Freiheit pur!

Doch plötzlich, mitten im Wald beim Feierabendspaziergang, überfielen mich hinterrücks Horrorvisionen: Was, wenn ich stürze und mir das Bein breche? Oder wenn mich ein ortsfremder Hirsch anfällt? Wenn ich verletzt hilflos in der Wildnis liege, keiner mich findet und ich langsam und qualvoll zu Grunde gehe? Ohne Handy! Ohne Möglichkeit, um Hilfe zu rufen! Und einsam. So wie Hesse es beschreibt. Im Nebel...

Ich kehrte – vorsichtig – um, fuhr schnell heim und werde nie mehr Spazieren gehen ohne funktionierendes Handy.

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Samstag, 12. September 2009 von Holger Much

Hurra, es gibt Euch noch!

Es lebe der Fortschritt. Auch wenn weinerliche Zivilisationskritik immer mal wieder gern ihr hässliches Haupt reckt – durchaus auch im eigenen Hirn –, was täten wir ohne Wasch- und Spülmaschinen, Wäschetrockner, Staubsauger, Fernseher, Telefone, Computer und fettreduziertem Joghurt? Selbst der multifunktionale Haushaltsrobot, den sich Kollegin Stoll so wünscht, wird sicher bald erfunden werden und von uns allen (heimlich) mit Kusshändchen willkommen geheißen werden.

Doch bei manchen Dingen macht sich in mir – ich kann nichts dafür – tiefe Melancholie und Sentimentalität breit, zum Beispiel wenn ich tagtäglich die futuristischen Wesen auf ihren Hightech-Fahrzeugen verbissen durch die Lande sausen sehen. Warum bloß?

Gestern dann wurde mir bewusst, warum. Bei all den schnittigen „Bikern“ (früher übrigens ein Ausdruck für lederbekleidete Motorradfahrer) fällt fast gar nicht auf, dass eine andere, die ursprüngliche Zweiradspezies, am Aussterben ist: Die Fahrradfahrer.

Ganz normale Leute, die statt im engen Dress in Hosen auf dem Sattel sitzen. Die statt auf Sportgeräten, die sie „Bike“ nennen auf gemütlichen Drahteseln, die schlicht „Fahrrad“ genannt werden, unterwegs sind und die statt Trendsport zu betreiben einfach von A nach B wollen, die zum Einkaufen oder zu Tante Else zum Kaffeeklatsch radeln.

Als ich gestern zuerst einen jungen Mann in Jeans mit Einkaufskorb hinten auf dem Gepäckständer sah und dann noch eine ältere Dame auf einem schwarzen Hollandrad, kamen mir fast die Tränen vor Rührung. Also, liebe altmodische Fahrradfahrer, wenn ich demnächst auf offener Straße anhalte, den nächsten Fahrradfahrer vom Radl ziehe und umarme ... nicht krumm nehmen, bitte. Ich bin einfach so froh, dass es Euch noch gibt.

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Dienstag, 1. September 2009 von Holger Much

Reden ist Silber, Schweigen...

Ich bin ein kommunikativer Mensch. Meistens. Ich schätze gute Gespräche, kontroverse Diskussionen. Aber dennoch gibt es Zeiten und Orte, an denen der ewige Redefluss einer wohltuenden Ruhe weichen sollte. Doch hier wird der Stille-Sucher nicht selten enttäuscht. Beispiel Sauna. Von zehn Mal, wo ich mich in regenerativer Absicht in die duftende Hitze lege, um in Kontemplation zu versinken, bricht eine frohe Runde in die Kabine, um sich lautstark über den neuesten Klatsch aus dem Bekanntenkreis auszutauschen. Was man da alles mitbekommt, oh-oh – auch wenn man es gar nicht wissen will.

Oder im Kino. Der Vorhang geht weiter auf, der Film beginnt, gespannt würde man es sich im Sitz gemütlich machen – wenn nicht unter Garantie ein Exemplar des Kinoschwätzers genau hinter einem säße, ein Vertreter jener Spezies, die sich ihren Mitmenschen mit Vorliebe dann in raunendem Gewisper mitteilt, wenn Harry Potter oder Bruce Willis ihre neuesten Abenteuer erleben.

Am verwirrendsten aber sind die Figuren, die erst seit wenigen Monaten die Öffentlichkeit unsicher machen. Mit leicht unstetem Blick laufen sie, oft wild gestikulierend, allein durch die Gegend und reden. Erst jüngst herrschte mich einer im feinen Zwirn an: „Hallo? Du das geht so echt nicht! Da müssen wir echt nochmal drüber reden!“ Und während ich noch erschrocken überlege, was der Kerl von mir will, seh ich ihn: den Knopf im Ohr vom „Headphone“, diesen hörerlosen Telefonen, bei denen nun nicht einmal mehr die Körperhaltung verrät, dass dieser Mensch auf der Straße telefoniert. Da denke ich dann: „Hallo? Du das geht so echt nicht! Da müssen wir echt nochmal drüber reden.“

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Freitag, 21. August 2009 von Holger Much

Beim Bierchen mit dem Star...

Vorgestern, nach dem Jethro-Tull-Konzert, saßen wir mit noch etwas zugeflöteten Köpfen zufrieden im Biergarten des malerischen Rottweiler Kraftwerks, genossen Cola, Kaffee oder ein Bierchen, je nach Gusto. Plötzlich näherte sich einem Freund mit ergrauten Locken und edlem Musketierbärtchen ehrerbietig ein junges, hübsches Mädchen.

Mit leiser Stimme spricht sie den Erstaunten an, auf Englisch. Der, leicht überrumpelt und leicht bezaubert vom schüchternen Liebreiz, antwortet verblüfft ebenfalls auf Englisch, während meine Frau und ich erstaunt und amüsiert das Geschehen beobachten: „Was läuft denn hier ab?“

So geht das eine Weile, bis der Bekannte sich dann doch zu einem: „Sag mol, könne mir ed auf Deutsch schwätza?“ durchringt. Das Mädchen reißt die Augen auf und wirkt nun völlig desorientiert. Als mir der Grund für die zarten Kommunikationsversuche zu dämmern beginnt und ich sie frage, für wen sie ihr Gegenüber denn halte, stottert sie: „Ja, ist er – bist Du – denn nicht der Gitarrist von Jethro Tull?“, und erntet damit spontanes und herzliches Gelächter allerseits.

Zugegeben, besagter Freund hat, im Dämmerlicht und mit zugeflötetem Kopf, durchaus Ähnlichkeiten mit Martin Barre, auch wenn er nicht halb so gut Gitarre spielt. Von ihm und dem verwirrten Fräulein habe ich netterweise ein Foto geschossen, dass sie sich nun gerne jederzeit bei mir abholen kann. Als Erinnerung für ihren Abend mit Martin Barre, dem Gitarrist von Jethro Tull. Dass es nicht das Original ist – psst, wir sagen es keinem weiter.

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Freitag, 14. August 2009 von Holger Much

Wenn Laurentius leise weint

Es gibt so diese Momente, losgelöst von Raum und Zeit, die einerseits voller Schönheit stecken, andererseits aber auch erschreckend sein können, da sie einen aus dem gewohnten, scheinbar doch so sicheren Rahmen reißen.

So wie ein unwirklich-funkelnder Regen in der Nacht: Sternschnuppen. Am Mittwoch Abend leuchteten sie meiner Frau und mir den Weg vom in weinrotes Abendlicht getauchten Bodensee bis vor die Haustür. Dort saßen wir beide still auf der nächtlichen Terrasse, die Köpfe weit in den Nacken gebeugt, um versunken in das seltene Schauspiel insgesamt rund 20 solcher Glitzerboten aus der unendlichen Leere des Alls zu zählen, manche davon faszinierend hell und groß. Schimmernd schossen sie aus dem klaren, sternengesprenkelten Nichts ins Nirgendwo und verglühten wieder im Nichts.

Und was bleibt? Ein unvergessliches Naturschauspiel. Ein steifer, schmerzender Nacken. Und die wohltuende Erinnerung daran, dass wir nur winzige Wesen auf einer sich durch die Unendlichkeit drehenden Kugel sind – durchs Universum sausend, wie die Tränen des Laurentius...

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