Dienstag, 1. September 2009 von Holger Much

Reden ist Silber, Schweigen...

Ich bin ein kommunikativer Mensch. Meistens. Ich schätze gute Gespräche, kontroverse Diskussionen. Aber dennoch gibt es Zeiten und Orte, an denen der ewige Redefluss einer wohltuenden Ruhe weichen sollte. Doch hier wird der Stille-Sucher nicht selten enttäuscht. Beispiel Sauna. Von zehn Mal, wo ich mich in regenerativer Absicht in die duftende Hitze lege, um in Kontemplation zu versinken, bricht eine frohe Runde in die Kabine, um sich lautstark über den neuesten Klatsch aus dem Bekanntenkreis auszutauschen. Was man da alles mitbekommt, oh-oh – auch wenn man es gar nicht wissen will.

Oder im Kino. Der Vorhang geht weiter auf, der Film beginnt, gespannt würde man es sich im Sitz gemütlich machen – wenn nicht unter Garantie ein Exemplar des Kinoschwätzers genau hinter einem säße, ein Vertreter jener Spezies, die sich ihren Mitmenschen mit Vorliebe dann in raunendem Gewisper mitteilt, wenn Harry Potter oder Bruce Willis ihre neuesten Abenteuer erleben.

Am verwirrendsten aber sind die Figuren, die erst seit wenigen Monaten die Öffentlichkeit unsicher machen. Mit leicht unstetem Blick laufen sie, oft wild gestikulierend, allein durch die Gegend und reden. Erst jüngst herrschte mich einer im feinen Zwirn an: „Hallo? Du das geht so echt nicht! Da müssen wir echt nochmal drüber reden!“ Und während ich noch erschrocken überlege, was der Kerl von mir will, seh ich ihn: den Knopf im Ohr vom „Headphone“, diesen hörerlosen Telefonen, bei denen nun nicht einmal mehr die Körperhaltung verrät, dass dieser Mensch auf der Straße telefoniert. Da denke ich dann: „Hallo? Du das geht so echt nicht! Da müssen wir echt nochmal drüber reden.“

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Freitag, 21. August 2009 von Holger Much

Beim Bierchen mit dem Star...

Vorgestern, nach dem Jethro-Tull-Konzert, saßen wir mit noch etwas zugeflöteten Köpfen zufrieden im Biergarten des malerischen Rottweiler Kraftwerks, genossen Cola, Kaffee oder ein Bierchen, je nach Gusto. Plötzlich näherte sich einem Freund mit ergrauten Locken und edlem Musketierbärtchen ehrerbietig ein junges, hübsches Mädchen.

Mit leiser Stimme spricht sie den Erstaunten an, auf Englisch. Der, leicht überrumpelt und leicht bezaubert vom schüchternen Liebreiz, antwortet verblüfft ebenfalls auf Englisch, während meine Frau und ich erstaunt und amüsiert das Geschehen beobachten: „Was läuft denn hier ab?“

So geht das eine Weile, bis der Bekannte sich dann doch zu einem: „Sag mol, könne mir ed auf Deutsch schwätza?“ durchringt. Das Mädchen reißt die Augen auf und wirkt nun völlig desorientiert. Als mir der Grund für die zarten Kommunikationsversuche zu dämmern beginnt und ich sie frage, für wen sie ihr Gegenüber denn halte, stottert sie: „Ja, ist er – bist Du – denn nicht der Gitarrist von Jethro Tull?“, und erntet damit spontanes und herzliches Gelächter allerseits.

Zugegeben, besagter Freund hat, im Dämmerlicht und mit zugeflötetem Kopf, durchaus Ähnlichkeiten mit Martin Barre, auch wenn er nicht halb so gut Gitarre spielt. Von ihm und dem verwirrten Fräulein habe ich netterweise ein Foto geschossen, dass sie sich nun gerne jederzeit bei mir abholen kann. Als Erinnerung für ihren Abend mit Martin Barre, dem Gitarrist von Jethro Tull. Dass es nicht das Original ist – psst, wir sagen es keinem weiter.

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Freitag, 14. August 2009 von Holger Much

Wenn Laurentius leise weint

Es gibt so diese Momente, losgelöst von Raum und Zeit, die einerseits voller Schönheit stecken, andererseits aber auch erschreckend sein können, da sie einen aus dem gewohnten, scheinbar doch so sicheren Rahmen reißen.

So wie ein unwirklich-funkelnder Regen in der Nacht: Sternschnuppen. Am Mittwoch Abend leuchteten sie meiner Frau und mir den Weg vom in weinrotes Abendlicht getauchten Bodensee bis vor die Haustür. Dort saßen wir beide still auf der nächtlichen Terrasse, die Köpfe weit in den Nacken gebeugt, um versunken in das seltene Schauspiel insgesamt rund 20 solcher Glitzerboten aus der unendlichen Leere des Alls zu zählen, manche davon faszinierend hell und groß. Schimmernd schossen sie aus dem klaren, sternengesprenkelten Nichts ins Nirgendwo und verglühten wieder im Nichts.

Und was bleibt? Ein unvergessliches Naturschauspiel. Ein steifer, schmerzender Nacken. Und die wohltuende Erinnerung daran, dass wir nur winzige Wesen auf einer sich durch die Unendlichkeit drehenden Kugel sind – durchs Universum sausend, wie die Tränen des Laurentius...

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Freitag, 24. Juli 2009 von Holger Much

Die Kanzlerin war da...

Das war eine Aufregung. Die Bundeskanzlerin kommt nach Krauchenwies! Da wurden schnell sämtliche Schulkinder mit Winkefähnchen ausstaffiert und vor dem Firmeneingang des Columbus-Verlags postiert. Ein Liedchen auf afrikanisch für die deutsche Kanzlerin, die sich über die Aufmerksamkeit der kleinen fröhlichen Wähler in spe freut und kleine Hände schüttelt.

Und einer der wenige Tage zuvor von ihrer hochherrschaftlichen Aufgabe informierten Sigmaringer Polizei, die nun neben dem BKA für den Schutz zuständig ist, bekommt glänzende Augen: „Jetzt mußte ich so alt werden, um das noch zu erleben...!“

Die anwesenden Journalisten hingegen, die alle entnervt ankommen, weil die Zufahrt von einer Baustelle samt umständlicher Umleitung blockiert ist, werden von in zu enge schwarze Anzüge gezwängten, muskelbepackten Bundeskriminalamtsmenschen akribischer Leibesvisitation unterzogen. Konsequent aber freundlich. „Sicherheitsstufe eins“ raunt mir einer entschuldigend zu und durchwühlt herzhaft meine Jackettaschen. Gut, dass ich grad keinen Schnupfen habe.

Dann läuft die PR-Maschinerie des Bundeskanzleramtes mit bewundernswerter Perfektion an. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Sämtliche Punkte, an denen Merkel auftaucht, werden mit Studioleuchten ins rechte Licht gesetzt. Dann – Dramaturgie – darf immer erst sie für 30 Sekunden allein ins Bild, bevor Oettinger und Co. dazustoßen. Alle lächeln, alle sind top geschminkt und alle halten sich streng ans Protokoll. Die Kanzlerin trägt Grün als Farbe der Hoffnung. Immerhin ist es die Mittelstandsreise, und da muß in Zeiten der Krise Optimismus verbreitet werden.

„Eine Show, klar“, winkt eine Mitarbeiterin des Bundespresseamtes ab, fügt aber hinzu: „dennoch kann Merkel zuhören und tut es auch.“ Dann hat sie ja doch vielleicht einiges mitgenommen von ihrem Besuch. Beispielsweise – siehe Umleitung – dass wir in Sachen Infrastruktur und Straßenbau sehr empfänglich wären.

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Freitag, 17. Juli 2009 von Holger Much

„Kennen wir uns eigentlich?“

Wer kennt das nicht? Da grüßt mich erst letztens eine hübsche junge Frau im Sportstudio ganz klar so, dass deutlich wird: die kennt mich. Dumm nur, dass mir nicht einfallen will, woher ich sie kenne. Ich zerbreche mir das Hirn, während ich die Muskeln stähle, doch es will mir nicht einfallen. Klar, gesehen hab ich sie schon mal – nur wo?

Angriff ist die beste Verteidigung, und als ich frage, wird mir auch schnell klar, dass ich sie durchaus kennen muß: Immerhin ist sie die Leiterin des Kindergartens, in den mein Sohn geht. Und klar: dort hätte ich sie auch sofort wiedererkannt. Nur offenbar scheint mein Hirn Menschen untrennbar mit Orten, Situationen oder einer bestimmten, typischen Kleidung zu verbinden. Und wird diese Verbindung gekappt, weil ich jemand, den ich sonst immer mit Anzug und Schlips sehe, plötzlich nackig in der Sauna treffe, oder weil diejenige, die sonst leger gekleidet und von Kindern umwuselt plötzlich im schicken Sportdress vor mir steht – dann setzt es bei mir aus: „Kennen wir uns?“

Daher: sollten Sie, lieber Leser, und ich uns kennen, und ich gehe demnächst grußlos an Ihnen vorbei – bitte nicht böse sein. Grund ist nicht plötzliche Antipathie oder meine unermessliche Arroganz, sondern schlicht die Tatsache, dass ich Sie nicht erkenne. Helfen Sie mir einfach auf die Sprünge.

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