Mittwoch, 23. September 2015 von Volker Bitzer

Falsche Höflichkeit

Entweder wollen die Leute seit einigen Monaten und Jahren ausnehmend vornehm sein. Sie handeln aus Unwissenheit? Oder es ist schlicht eine falsch eingestellte Rechtschreibprüfung der Textverarbeitung schuld. Wieso?

Täglich landen massenweise Texte und E-Mails bei uns im Redaktionspostfach. Dabei fällt seit geraumer Zeit zunehmend eine bestimmte Schreibweise der Worte „ihr“ oder „ihre“ auf. Nämlich groß geschrieben, also „Ihr“ und „Ihre“. Dabei ist in den meisten Fällen nicht die Anrede einer Person gemeint; hier wäre groß geschrieben richtig. Sondern das Possessivpronomen, oder auch besitzanzeigendes Fürwort genannt, also beispielsweise: „Die Kinder haben ihre Bilder gezeigt“. In diesem Falle wird „ihre“ selbstverständlich klein geschrieben. Wir lesen es in eingereichten Texten – übrigens auch von Schulen und Lehrern – vielfach groß, also „Ihre“. Vielleicht glauben viele Menschen, damit eine besondere Höflichkeit auszudrücken. Das ist dann zwar freundlich, aber leider orthografisch trotzdem falsch.

Andererseits gehen die Leute zunehmend auf kumpelhafte Intimität über, sobald es sich um eine Anrede in der Mehrzahl handelt – Beispiele: „Habt Ihr das im Angebot?“ oder „Kann das jemand von Euch machen?“. So kann ich fragen, wenn ich mit dem Gegenüber per Du bin. Ansonsten ist freilich die korrekte Höflichkeitsform Mehrzahl folgende: „Haben Sie das im Angebot?“ oder „Kann das jemand von Ihnen machen“.

Es zeigt: Sprache verändert sich. Meist leider nicht zum Besseren.

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Samstag, 29. August 2015 von Volker Bitzer

Abseits der Postkartenidylle

Ja, das wusste schon Mathias Claudius: „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“. Erst recht, wenn man unterwegs ganz außergewöhnliche Bekanntschaften macht, statt sich lediglich im Sog der Touristenströme von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit mitreißen zu lassen. Man nicht nur blindlings Tourenführern hinterher tappt und brav beim Aussichtspunkt „Hier-müssen-Sie-das-Postkartenfoto-machen!“ auf den Auslöser drückt. Stattdessen selbst die Augen aufmacht und auch mal abseits ausgetrampelter Pfade wandelt...

Da ist zum Beispiel die taiwanesische Familie, die Salzburg mit Straßburg verwechselt. Die Eltern fragen mich spätnachmittags nach der Entfernung dorthin und blicken total erschrocken auf ihre Uhren als ich mit „zirka sechs Autostunden von hier“ antworte. Erst als im weiteren Gespräch mehr zufällig das Stichwort Mozart fällt, ist klar, was sie meinen. Aufatmen bei den beiden: Festspiele sind um die Ecke, halbe Stunde von hier.

Oder die Sennerin vom Königsee, die vier Monate alleine – fernab TV und Internet, dafür mit Plumpsklo – auf der Alm verbringt, Kühe melkt und Käse fabriziert. Ihren sicheren Job als Verwaltungsangestellte hat sie an den Nagel gehängt. Raus aus den üblichen Mühlen… Wie es im Herbst für sie beruflich weiter geht, verraten ihr vielleicht die Sterne an einsamen Alpenabenden.

Und schließlich noch das junge Paar aus Ungarn. Während sie im Gumpen eines Gebirgswasserfalles die Füße kühlt, klettert er, barfüßig und fast spinnengleich, die steilen und glatten Felswände empor, um dann 30 Meter höher stolz fürs Smartphone seiner Freundin zu posieren. Verdutzt über seinen Wagemut, stelle ich ihn nach dem Abstieg zur Rede. Er ist Stuntman und das war eine leichte Übung. „Zum Aufwärmen“, ergänzt er schmunzelnd und erzählt noch viel über seine spannende Arbeit.

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Donnerstag, 20. August 2015 von Volker Bitzer

Fußball schlägt Griechenland

Die Bildzeitung ist ein Spiegel dessen, was die Deutschen bewegt. Machen wir uns nichts vor: Die Kollegen vom Boulevard sind findig, topaktuell und präsentieren jene Schlagzeilen zuerst, welche in der Regel die weiteren 24 Stunden in allen anderen nachrichtlichen Medien auch bestimmen. Wir von der Lokalzeitung verkennen diese Leistung nicht. Und so schaut auch der ZAK-ler regelmäßig in Bild online. Und stutzt dabei oft nicht schlecht. So auch gestern wieder, als Deutschlands Politiker eine weitreichende Entscheidung zu fällen hatten: Hilfs-Milliarden für Griechenland. Unsere Mandatsträger stimmen darüber ab, für wie viele zig Tausende Millionen Euro unser Volk und nachfolgende Generationen den Kopf hinhalten müssen. Ein einschneidendes Urteil! Was aber interessiert die Deutschen am meisten? Laut „Meistgelesene Artikel“ weder „Griechenland“ noch der „Mord an der 17-jährigen Annelie“, sondern mal wieder König Fußball. Nämlich das angebliche 85-Millionen-Angebot von ManUnited für den Bayern-Stürmer Thomas Müller. Man kann eigentlich nur staunen, dass solche Geschichten vom grünen Rasen mehr bewegen als unser Geld. Erklärbar allenfalls noch damit, dass das Thema Griechenland-Hilfe einfach keiner mehr hören kann. Und wir schätzungsweise in ein paar Monaten wieder darüber sinnieren könnten, wenn es dann ums vierte Hilfspaket geht. Aber selbst andere Dinge wie Til Schweigers Benehmen beschäftigen die Deutschen mehr als die Hellas-Hilfe, die (Stand gestern Nachmittag) nicht mal unter den ersten Fünf landete. Kurios.

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Samstag, 8. August 2015 von Volker Bitzer

Urlaub auf Balkonien

Die schönste Zeit des Jahres – na, logo – das ist die Ferienzeit. Wochen und Monate währt die Vorfreude auf den ersehnten Urlaub. Egal wohin es geht: ob zum Entspannen im fernen St. Maarten in der Karibik, auf Landschafts-Abenteuertour quer durch Island oder zum Radeln an den Bodensee. Und wer gerade etwas mehr auf seinen strapazierten Geldbeutel schauen muss, der verbringt die Sommerfrische einfach auf „Balkonien“. Dieser originelle Begriff hat für mich unlängst eine neue Bedeutung bekommen. Nämlich die originäre. Im Urlaub haben mir meine Zimmernachbarn im Hotel von früh bis spät vorgeführt, was damit wirklich gemeint ist. Man glaubt es nicht, aber tatsächlich sitzt das Ehepaar – beide Ruheständler oder die Rente zumindest zum Greifen nah – stets auf seinem Hotelbalkon. Offenbar zufrieden mit ein paar Dosen Bier, vor allem aber einem Riesenvorrat an Zigaretten. Denn unentwegt dringen Rauchschwaden und Stimmen in bester Rod-Stewart-Tonlage übers Geländer. Wegen der Hitze bleibt nachts das Fenster offen und so weckt mich einmal sogar schon um halb sechs in der Früh widerlich stinkender Zigarettenqualm. Ah, die Nachbarn sind wach und genießen „Balkonien“. Nirgends, außer auf ihrem Hotelbalkon, habe ich die Kettenraucher jemals gesehen. Weder am Morgenbuffet, noch im Restaurant. Selbst das Frühstück nehmen die beiden Paffer auf ihrem Zimmer-Freiluftsitz ein. Vier-Sterne-Balkonier durch und durch. Muss sich schließlich auch lohnen, wenn man sich so lange drauf gefreut hat. Obendrein dann noch mit Watzmann-Blick – sollte dieser nicht gerade durch blauen Dunst getrübt sein.

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Freitag, 17. Juli 2015 von Volker Bitzer

Wer viel fährt, zahlt auch viel

Die Griechenlandkrise drängt momentan viele andere Themen in den Schatten. So auch die Maut-Diskussion. Aber vergessen ist sie deshalb nicht. Wenn ich mit dem Auto die österreichische Staatsgrenze passiere oder mal auf Schnellstraßen in der Schweiz fahren möchte, muss ich Maut zahlen. Gleiches gilt auf „Toll“-Strecken in den USA und vielen weiteren Ländern. Also ist es doch nicht mehr als recht und billig, wenn auch ausländische Autofahrer auf deutschen Straßen ein Ticket lösen? Dennoch sorgt das Mautkonzept von Minister Dobrindt Schlagzeilen für reichlich Kritik. Warum eigentlich? Da ist von Benachteiligung anderer EU-Bürger innerhalb der Staatengemeinschaft die Rede. Und richtig: Durch das Entlasten des deutschen Autofahrers über die Kraftfahrzeugsteuer wäre das tatsächlich der Fall. „Na, und? Dann ist es halt so“ sagen die einen. „Darf nicht sein“ argumentieren viele Kritiker der Maut im eigenen Lande. Dabei ist wohl fraglich, ob es ihnen um dieses partielle Ungleichgewicht geht, oder doch vielmehr ums grundsätzliche Torpedieren eines Regierungsvorschlags.

Eine Lösung könnte ganz simpel sein, zudem wohl noch verwaltungstechnisch leicht zu meistern: Die Kfz-Steuer abschaffen. Dafür den Spritpreis um ein paar Steuercent nach oben. Schon ist das EU-Ungleichgewicht bei der Maut passé. Und gerechter ist das Prozedere obendrein: Wer viel fährt und reichlich das Straßennetz nutzt, der zahlt auch mehr.

Mir geht es nicht in den Kopf, warum diese Ideallösung noch immer auf sich warten lässt. Wichtig ist aber noch eins: Das eingenommene Geld – gleich ob Maut oder Kraftstoffsteuer – muss in die Straßeninfrastruktur zurück fließen. Es ist an der Zeit, dass die Autofahrer nicht länger als potente Melkkühe für allerlei andere Dinge herhalten müssen.

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