Mittwoch, 28. Oktober 2015 von Volker Bitzer

Altes Wissen für moderne Welt

Fleisch, vor allem verarbeitetes, und Wurst sind krebserregend. Diese Nachricht schockiert die Konsumenten. Aber tut sie das wirklich? Vergeht doch kaum eine Woche, dass nicht neue Erkenntnisse rund ums Essen, Wissenswertes zur Ernährung und Ratschläge über ein gesundes Leben die Runde machen. Auch wenn die meisten Tipps so frisch gar nicht sind. Entsprechend lapidar sind häufig die Reaktionen darauf. „Was darf man denn überhaupt noch essen?“ fragen sich die Leute. Berechtigter Einwand? Teilweise. Klar, wenn sich die Menschen absolut rigoros an alle Empfehlungen, Regeln und Verbote manch selbst ernannter Ernährungspäpste halten, wären die meisten längst verhungert. Trotzdem bergen all die Aussagen ein Körnchen Wahres. Und dass übermäßiger Wurst- und Fleischkonsum so ungesund ist wie die tägliche Flasche Rotwein, ist sicherlich unstrittig. Wie bei vielem im Leben gilt aber: Auf die Menge und Häufigkeit kommt es an. Und eben diese sind bei den Essgewohnheiten – zuvorderst in westlichen Wohlstandsgesellschaften – garantiert aus dem Gleichgewicht. Kam in früheren Tagen einmal pro Woche Fleisch auf den Tisch, geht es heute doch kaum noch ohne täglichen Braten und Salamibrot. Ob all den schlauen Ratschlägen heutiger Wissenschaftler, hat eine goldene Regel schon seit gut 900 Jahren Bestand. So erkannte die mit Weitsicht gesegnete Hildegard von Bingen schon im 12. Jahrhundert: Alles; aber alles in Maßen.

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Donnerstag, 8. Oktober 2015 von Volker Bitzer

Fußball gerät ins Abseits

Wie Volkswagen aus seinem Dieselskandal heraus kommt, das steht noch in den Sternen. Klar ist aber bereits jetzt, dass ihn die Abgas-Trickserei Milliarden kosten wird. Vom Imageschaden einmal ganz abgesehen. So hat nun der neue Konzernchef Müller Kosteneinsparungen ins Spiel gebracht. Jeder weiß, dass bei diesem bösen Wort meist auch die Mitarbeiter betroffen sind. Diese müssen nun möglicherweise jene zähe Suppe mit auslöffeln, welche einige Verantwortliche unverantwortlicherweise und dumm – gleich auf welcher Hierarchieebene des Unternehmens – eingebrockt haben. Aber Müller, so lassen die Nachrichten verlauten, scheut auch nicht davor, eine heilige Kuh anzutasten: den Fußball. Das ist gut so. Es kann nicht sein, dass die Belegschaft Millionen einsparen muss, während man diese andererseits einem Bundesligaclub für seine Rasenspiele in den Rachen wirft. Um beim sportlichen Terminus zu bleiben: Die Mitarbeiter sind die Pflicht, exorbitant teures Sportsponsoring ist Kür. Und in einer solchen angespannten Situation absolut verzichtbarer Luxus. Das gilt freilich nicht nur für VW, sondern für alle Unternehmen, die eine ohnehin überzahlte Spitzensportkultur mit Milliönchen mästen.

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Mittwoch, 23. September 2015 von Volker Bitzer

Falsche Höflichkeit

Entweder wollen die Leute seit einigen Monaten und Jahren ausnehmend vornehm sein. Sie handeln aus Unwissenheit? Oder es ist schlicht eine falsch eingestellte Rechtschreibprüfung der Textverarbeitung schuld. Wieso?

Täglich landen massenweise Texte und E-Mails bei uns im Redaktionspostfach. Dabei fällt seit geraumer Zeit zunehmend eine bestimmte Schreibweise der Worte „ihr“ oder „ihre“ auf. Nämlich groß geschrieben, also „Ihr“ und „Ihre“. Dabei ist in den meisten Fällen nicht die Anrede einer Person gemeint; hier wäre groß geschrieben richtig. Sondern das Possessivpronomen, oder auch besitzanzeigendes Fürwort genannt, also beispielsweise: „Die Kinder haben ihre Bilder gezeigt“. In diesem Falle wird „ihre“ selbstverständlich klein geschrieben. Wir lesen es in eingereichten Texten – übrigens auch von Schulen und Lehrern – vielfach groß, also „Ihre“. Vielleicht glauben viele Menschen, damit eine besondere Höflichkeit auszudrücken. Das ist dann zwar freundlich, aber leider orthografisch trotzdem falsch.

Andererseits gehen die Leute zunehmend auf kumpelhafte Intimität über, sobald es sich um eine Anrede in der Mehrzahl handelt – Beispiele: „Habt Ihr das im Angebot?“ oder „Kann das jemand von Euch machen?“. So kann ich fragen, wenn ich mit dem Gegenüber per Du bin. Ansonsten ist freilich die korrekte Höflichkeitsform Mehrzahl folgende: „Haben Sie das im Angebot?“ oder „Kann das jemand von Ihnen machen“.

Es zeigt: Sprache verändert sich. Meist leider nicht zum Besseren.

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Samstag, 29. August 2015 von Volker Bitzer

Abseits der Postkartenidylle

Ja, das wusste schon Mathias Claudius: „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“. Erst recht, wenn man unterwegs ganz außergewöhnliche Bekanntschaften macht, statt sich lediglich im Sog der Touristenströme von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit mitreißen zu lassen. Man nicht nur blindlings Tourenführern hinterher tappt und brav beim Aussichtspunkt „Hier-müssen-Sie-das-Postkartenfoto-machen!“ auf den Auslöser drückt. Stattdessen selbst die Augen aufmacht und auch mal abseits ausgetrampelter Pfade wandelt...

Da ist zum Beispiel die taiwanesische Familie, die Salzburg mit Straßburg verwechselt. Die Eltern fragen mich spätnachmittags nach der Entfernung dorthin und blicken total erschrocken auf ihre Uhren als ich mit „zirka sechs Autostunden von hier“ antworte. Erst als im weiteren Gespräch mehr zufällig das Stichwort Mozart fällt, ist klar, was sie meinen. Aufatmen bei den beiden: Festspiele sind um die Ecke, halbe Stunde von hier.

Oder die Sennerin vom Königsee, die vier Monate alleine – fernab TV und Internet, dafür mit Plumpsklo – auf der Alm verbringt, Kühe melkt und Käse fabriziert. Ihren sicheren Job als Verwaltungsangestellte hat sie an den Nagel gehängt. Raus aus den üblichen Mühlen… Wie es im Herbst für sie beruflich weiter geht, verraten ihr vielleicht die Sterne an einsamen Alpenabenden.

Und schließlich noch das junge Paar aus Ungarn. Während sie im Gumpen eines Gebirgswasserfalles die Füße kühlt, klettert er, barfüßig und fast spinnengleich, die steilen und glatten Felswände empor, um dann 30 Meter höher stolz fürs Smartphone seiner Freundin zu posieren. Verdutzt über seinen Wagemut, stelle ich ihn nach dem Abstieg zur Rede. Er ist Stuntman und das war eine leichte Übung. „Zum Aufwärmen“, ergänzt er schmunzelnd und erzählt noch viel über seine spannende Arbeit.

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Donnerstag, 20. August 2015 von Volker Bitzer

Fußball schlägt Griechenland

Die Bildzeitung ist ein Spiegel dessen, was die Deutschen bewegt. Machen wir uns nichts vor: Die Kollegen vom Boulevard sind findig, topaktuell und präsentieren jene Schlagzeilen zuerst, welche in der Regel die weiteren 24 Stunden in allen anderen nachrichtlichen Medien auch bestimmen. Wir von der Lokalzeitung verkennen diese Leistung nicht. Und so schaut auch der ZAK-ler regelmäßig in Bild online. Und stutzt dabei oft nicht schlecht. So auch gestern wieder, als Deutschlands Politiker eine weitreichende Entscheidung zu fällen hatten: Hilfs-Milliarden für Griechenland. Unsere Mandatsträger stimmen darüber ab, für wie viele zig Tausende Millionen Euro unser Volk und nachfolgende Generationen den Kopf hinhalten müssen. Ein einschneidendes Urteil! Was aber interessiert die Deutschen am meisten? Laut „Meistgelesene Artikel“ weder „Griechenland“ noch der „Mord an der 17-jährigen Annelie“, sondern mal wieder König Fußball. Nämlich das angebliche 85-Millionen-Angebot von ManUnited für den Bayern-Stürmer Thomas Müller. Man kann eigentlich nur staunen, dass solche Geschichten vom grünen Rasen mehr bewegen als unser Geld. Erklärbar allenfalls noch damit, dass das Thema Griechenland-Hilfe einfach keiner mehr hören kann. Und wir schätzungsweise in ein paar Monaten wieder darüber sinnieren könnten, wenn es dann ums vierte Hilfspaket geht. Aber selbst andere Dinge wie Til Schweigers Benehmen beschäftigen die Deutschen mehr als die Hellas-Hilfe, die (Stand gestern Nachmittag) nicht mal unter den ersten Fünf landete. Kurios.

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