Donnerstag, 17. September 2015 von Michael Würz

Flüchtlinge auf allen Kanälen

Kaffee, Frühstück – und Facebook. So starten längst nicht mehr nur Newsjunkies in den Tag. Die Nachrichtenlage: Flüchtlinge, Merkel, Grenzen offen, Grenzen zu. Punkt 9 Uhr wirft Kollege Godawa in der Redaktion den Fernseher an. Thema in den Frühnachrichten: die Flüchtlingszahlen. Handelt die Politik? Wo lassen sich Unterkünfte freischaufeln? Am Mittag melden unsere Kollegen der Südwest Presse ihre Themen. Auf dem Titel: Ringen um Flüchtlingshilfen. Der Feierabend naht bereits, als eine Info hereinkommt, die unsere Leser interessieren könnte: Helfer des Roten Kreuzes aus dem Zollernalbkreis sind mit Decken und Betten nach Rottenburg aufgebrochen, wo kurzfristig 600 Flüchtlinge unterkommen.

Einem Leser der Welt wurde das kürzlich alles zu viel. Ob es keine anderen Themen mehr gäbe, fragte er auf der Facebookseite der Zeitung. Die Social-Media-Redaktion, die für ihren schnippischen Tonfall bekannt ist, antwortete ironisch: „Nein, wir heißen jetzt Flüchtlingswelt und haben alle anderen Artikel auf welt.de gelöscht, alle anderen Ressorts wurden geschlossen.“ Zugegeben: Ich habe geschmunzelt. Und doch verstehe ich den Leser zumindest ein wenig. Die Sache ist nur: Selten war der Verweis auf die Chronistenpflicht so berechtigt wie in der Flüchtlingsfrage. Wir erleben historische Momente. Doch die atemlose Berichterstattung auf allen Kanälen verstärkt bei vielen das Gefühl, wonach „die Medien“ alle ins gleiche Horn stoßen. Wie falsch dieser Eindruck jedoch ist, sieht, wer einen Blick in den digitalen Zeitungskiosk Blendle wirft, der am Montag in Deutschland gestartet ist und antritt, die Verlage unter ein Dach (und die Leser zum Zahlen) zu bringen. Oder wie Christian Lindner, Chefredakteur der Koblenzer Rhein-Zeitung, gestern ein wenig euphorisch twitterte: „Wer 30 Minuten in Blendle gestöbert hat, wird nie mehr von Mainstream-Presse und Krise des Journalismus reden.“ Das sind doch gute Aussichten.

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Donnerstag, 27. August 2015 von Michael Würz

Anständige, geht ins Netz!

Vor einigen Tagen ist einem Kollegen in der Redaktion der Kragen geplatzt: Angeekelt von hetzenden und rassistischen Kommentaren zur Flüchtlingsdebatte kündigte er an, Facebook fortan den Rücken zu kehren. Und eine Kollegin machte an dieser Stelle ein Selfie-Gruselkabinett in den sozialen Netzwerken aus. Junge Menschen, die sich scheinbar nichts mehr zu sagen haben, während sie vertieft über die Displays ihrer Smartphones wischen. Ganz schön asozial, diese sozialen Netzwerke, meinen viele. Was für ein Irrtum!

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Natürlich gibt es all das – in der Onlineredaktion sind wir täglich mit den Schattenseiten der neuen Medien konfrontiert. Auch ich sitze fassungslos vor dem Rechner, wenn in diesen Tagen, an denen in Deutschland Flüchtlingsheime brennen, ausgerechnet Feuerwehrleute zynische Kommentare zu Artikeln über Flüchtlinge abgeben. Und es lässt mich ratlos zurück, wenn Menschen, die verantwortungsvolle Ämter in der kommunalen Verwaltung innehaben, im Netz widerliche Stimmungsmache einschlägiger Hassseiten verbreiten.

Doch wie sollen wir alle und wir Journalisten im Besonderen damit umgehen? Ich habe dieser Tage einem Leser unserer Zeitung attestiert, dass er über einen langen Atem verfügt. Der Mann schreibt seit Monaten unermüdlich gegen das an, was auf unserer Facebookseite passiert, wenn wir über die Situation um die Flüchtlinge berichten. Seine Antwort, als wäre dies das Normalste der Welt: „Muss man ja.“ Ich meine, der Mann hat recht. Wem nicht gefällt, was im Netz passiert, darf es nicht denen überlassen, die nichts Gutes im Schilde führen.

Und wer sich darüber beklagt, dass die jungen Leute nur noch auf ihr Smartphone starren, sollte kritisch zurückblicken, ob Menschen früher wirklich mehr miteinander geredet haben – damals, als sie im Zug oder an der Bushaltestelle in Zeitungen gestarrt haben.

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Montag, 13. Juli 2015 von Michael Würz

Fotografieren verboten

Mark Knopfler tut es, Helene Fischer tut es, Bob Dylan tut es. Sie alle, zumindest ihre Manager, gehen bei ihren Konzerten auf Konfrontationskurs zu Pressefotografen. Knopfler verwies jüngst Journalisten auf einen unzumutbaren Platz, von dem aus etwa die Kollegen der Mainpost keine vernünftigen Fotos mehr schießen konnten. Helene Fischer lässt Fotografen Knebelverträge unterschreiben, die die Veröffentlichungsmöglichkeiten für Fotografen einschränken. Besonders dreist: Robbie Williams lässt gleich alle Bildrechte ans Management übertragen. Das grenzt an Erpressung: Wer nicht unterschreibt, wird nicht akkreditiert und kann nicht berichten. Wer berichtet, muss Williams kostenlos Fotos als PR-Material zur Verfügung stellen. Als besonders fotografenunfreundlich erwies sich kürzlich auch Bob Dylan, der bei seinem Konzert in Tübingen gar keine Fotografen zuließ.

Darüber frotzelte am Samstagabend Dieter Thomas Kuhn bei seinem Konzert auf dem Balinger Marktplatz. „Hier dürft ihr fotografieren, schießt Fotos!“ Hunderte, vielleicht tausende Smartphones schossen in die Höhe, nur einem blieb die Spucke weg: dem Fotografen unserer Zeitung. Denn nur Minuten bevor Kuhn seine Fans aufforderte, Fotos zu schießen, hatte ihm ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes die Kamera abgenommen. Ohne Begründung, auf persönlichen Wunsch des Künstlers. Dabei wollte der Kollege nach den obligatorischen Bühnenfotos lediglich das Publikum fotografieren. Grotesk. Zum Vergleich: ZZ Top hatten am Abend zuvor keinerlei Probleme mit Fotografen, gaben sich auch sonst ohne Starallüren – einen der legendären Rauschebärte zog es auf die Burg Hohenzollern, der andere kaufte sich erst einmal eine Briefmarke am Postschalter in Balingen. Sympathisch. 

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Montag, 6. Juli 2015 von Michael Würz

Mutprobe Zugfahrt

Einatmen. Ausatmen. Nur keine hastigen Bewegungen. Klingt nach Geburtsvorbereitungskurs, war aber dieser Tage meine Überlebensstrategie im Zug von Tübingen nach Balingen, in dem die Klimaanlage ausgefallen war. Unter den Sitzen bildeten sich bereits Pfützen, so sehr schwitzten die Menschen in dem Abteil, dessen Fenster sich nicht öffnen ließen. Menschen mit hochroten Köpfen hingen mehr tot als lebendig in ihren Sitzen; Sorgen bereitete mir aber vor allem der Mann, der ganz weiß im Gesicht und kaum mehr ansprechbar war.

Ich ging in Gedanken vorsorglich durch, was ich im vergangenen Jahr gelernt hatte, damals im Betriebssanitäterkurs in unserem Verlag. Als der Zug in Mössingen hielt und wir unplanmäßig umsteigen durften, froren wir beinahe auf dem Bahnsteig – bei 35 Grad. Seither weiß ich: Man muss das erlebt haben, um zu wissen, was es bedeutet, wenn in einem Zug die Klimaanlage ausfällt. Und dennoch geht es immer noch ein bisschen schlimmer: Robert Dönges, geschätzter Onlinekollege und Chef vom Dienst bei der Südwest Presse in Ulm, meldete am Abend per Twitter: „Situation: im RE nach Gießen. A/C ausgefallen. Typ gegenüber im Langarm-Flanell verputzt 3 Fisch-Mäc nacheinander. Warum? Warum ich!?“

 

Noch dramatischer erging es am Montag Kollege Jörgen Camrath. Der Social-Media-Redakteur der Berliner Morgenpost war in der Nacht in Dresden gestrandet, weil sein Flieger aufgrund des Unwetters nicht in Berlin landen konnte. Während der Zugfahrt nach Berlin stieg plötzlich Rauch auf: „Unser Zug hat eine leichte Rauchentwicklung, wir halten mal kurz an“, meldete der Zugführer und Jörgen Camrath postete zuerst ein Foto, auf dem die ganze Umgebung bereits in Rauch gehüllt war, dann eines, das einen Bahnmitarbeiter mit einem Feuerlöscher zeigte. 13 Stunden später als gedacht kam dann aber auch dieser Kollege an seinem Ziel an – sein Koffer hoffentlich demnächst auch.

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Montag, 22. Juni 2015 von Michael Würz

Der vermeintliche Innenminister

Dass sich die SPD, auch unter dem Eindruck machtpolitischer Spielchen Sigmar Gabriels, dieser Tage erneut für die Vorratsdatenspeicherung ausgeprochen hat, kam im Netz gar nicht gut an. Wir erinnern uns: jenes Gesetz, wonach Verbindungsdaten aller Bürger gespeichert werden sollen – ohne, dass sie im Verdacht stehen, eine Straftat begangen zu haben. Jenes Gesetz, das der Europäische Gerichtshof im vergangenen Jahr in seiner ursprünglichen Form kassiert hatte. Die Richter hatten erhebliche Bedenken: der Schutz personenbezogener Daten, das Prinzip der Verhältnismäßigkeit und so weiter. Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) rechtfertigte sich am Samstag auf Facebook und Twitter: „Ich verzichte gerne auf vermeintliche Freiheitsrechte, wenn wir einen Kinderschänder überführen.“

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Vermeintliche Freiheitsrechte. Ob man mit der Vorratsdatenspeicherung Kinderschänder schnappt, ist stark umstritten. Sicher ist nur: Ungefähr das Erste, was die Abgeordneten des Deutschen Bundestags im Zuge des Falls Edathy beschlossen hatten, war die Kürzung der Speicherfrist auf Bundestagsrechnern – von drei Monaten auf sieben Tage. Mehr muss man nicht wissen.

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