Mittwoch, 21. Januar 2015 von Nico Pannewitz

Arroganz der Jugend?

Im Jahr 2000 beging der amerikanische Schauspieler Richard Farnsworth im Alter von 80 Jahren Selbstmord, da er die Schmerzen seiner Krebserkrankung nicht mehr aushielt. Kurz zuvor hatte er in dem Film „The Straight Story“ die Hauptrolle des sehr alten Alvin Straight gespielt, der in der Geschichte auf die Frage, was das Schlimmste am Altern sei, antwortete: „Die Erinnerung an die Zeit, als ich jung war.“ Der Film und die Geschichte um Farnsworth blieben bei mir hängen. Nicht nur, weil sich wohl jeder Mensch ab und zu Gedanken darüber macht, wie viel Zeit einem wohl noch bleibt. Sondern auch, weil ich mich oft frage, ob ich denn meine bisherige Zeit optimal genutzt habe. Nicht erst seit der Fanta-Kampagne „100 Dinge, die du getan haben solltest, bevor du erwachsen bist“ und dem Kürzel YOLO (You only live once) werden Teenager und junge Erwachsene medial bombardiert mit Ideen und Möglichkeiten, ihr Leben zu „bereichern“. Spätestens jetzt, wo ich langsam auf die 30 zu gehe, kann ich nicht anders, als immer mal wieder zu denken „Dies hättest du nur damals machen können“ und „Du hast ja gar nicht gelebt“. Obwohl ich mich noch nicht als „alt“ bezeichnen würde, denke ich also, bereits etwas nachvollziehen zu können, mit welcher Melancholie und Wehmut manche Menschen auf ihr eines Leben zurückblicken. Dennoch verstehe ich auch, dass das eigentlich weinerlich ist, da ich die verpassten Chancen theoretisch alle nachholen könnte, welche sich auf den zweiten Blick ohnehin oft als Schwachsinn oder nicht der Rede wert erweisen. Was mich zudem etwas nervt, sind die zahlreichen Biografien von jungen Stars, die mittlerweile die Buchmärkte pflastern. Zum einen sind diese statt auf eine ernsthafte Beschreibung ihrer Persönlichkeit innerhalb der Weltgeschichte oft mehr auf kurzfristige, oberflächliche Interessenbefriedigung und schnellen Geldfang ausgelegt, bevor das Licht der Sternchen wieder verlischt. Zum anderen erwecken diese Biografien nicht selten den Eindruck, das „richtige“ Leben sei mit 30 oder 40 bereits vorbei. Und sie verdecken oft die Biografien jener Menschen, die wirklich ein Leben lang etwas geleistet haben und etwas zu erzählen hätten. Oder, wie im Falle von Farnsworth: gehabt hätten.

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Freitag, 16. Januar 2015 von Nico Pannewitz

Die Welt ist grau

Wenn man jung ist, denkt man nicht selten, man hätte die Welt bereits „durchschaut“. Beim Anblick vieler Teenager und Studenten sehe ich mich heutzutage oft daran erinnert, wie ich noch bis vor einigen Jahren war: idealistisch, revolutionär, aber auch etwas eingebildet und naiv. Zusätzlich zu ihrem natürlich jugendlichen Trieb, sich von Lebensvorstellungen und Wertekonstrukten älterer Zeitgenossen zu emanzipieren, reden wir jungen Menschen in den reichen, westlichen Gesellschaften nämlich auch ständig ein, sie könnten theoretisch alles machen und schaffen. Zusammen mit ihrer medialen Kompetenz und dem Internet als gigantischer Wissensspeicher ist es also nicht verwunderlich, dass viele junge Menschen meinen, die einzig Sehenden in einer Herde von Schafen zu sein. „Wenn ich am Hebel sitzen würde, würde ich die Welt verbessern“, dachte ich damals oft, „es ist doch offensichtlich, wo in der Menschheit, der Gesellschaft, der Politik und überall sonst die Systemfehler liegen.“ Doch auch ich musste Jahr für Jahr aufs Neue lernen, dass Schul-, Buch- und Netzwissen an sich bei weitem nicht ausreichen, um die Welt auch nur ansatzweise zu verstehen. Denn Wissen liest man sich nicht nur an, sondern schöpft es auch aus Erfahrungen. Zudem modifiziert man bereits Gelerntes immer weiter. Werden wir älter und sammeln mehr Lebenserfahrung, kommen wir (in den meisten Fällen) deshalb mehr und mehr weg vom einfachen, absoluten Schwarz-Weiß-Denken unserer Kindheit und Jugend und beginnen, die vielen, vielen grauen Facetten unserer Umgebung und Mitmenschen zu sehen. Und erkennen, dass unsere früher erdachten, einfachen Lösungen für die Probleme der Gesellschaft meist nicht umsetzbar oder gar keine Lösungen sind. Auch diese Erkenntnis bringt mich leider nur ein wenig voran, die Welt werde ich nie wirklich in ihrer Gänze verstehen. Und das ist gut: Es macht das Leben interessant und aufregend, weil es immer etwas Neues zu lernen gibt. Und vielleicht kann mir meine Erkenntnis, dass ich so vieles noch nicht weiß und stets mehr nicht wissen werde als ich weiß, ja doch dabei helfen, die Welt durch Bescheidenheit ein Stückchen „besser“ zu machen.

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Guter Kommentar!

Wie sagte die Schriftstellerin Maria von Ebner-Eschenbach: Es geschieht zu jeder Zeit etwas Unerwartetes; unter anderem ist auch deshalb das Leben so interessant.

Lothar Gerstenecker am 19.01.2015 17:01:57

Wirklich lesenswert

Gratuliere, brillanter Blog.

Helmut Loechel am 17.01.2015 11:35:41

Glückwunsch!

Das ist die beste Antwort auf den Blog von gestern!!

Lisa Witsch am 17.01.2015 07:56:55

Freitag, 26. September 2014 von Nico Pannewitz

Die süße Frucht des Herbstes

Schon in meinen vorigen Tagebüchern habe ich es ab und zu erwähnt: Ich bin ein Herbst-Typ. Sonne, Strand und Sonnenmilch sind nicht so meine Welt, bei rotem Laub und trübem Himmel bin ich dagegen voll in meinem Element. Und auch wenn ich mich an Halloween selbst nicht verkleide: Der Feiertag ist mir mit den atmosphärischen Kürbislichtern herzlich willkommen. Gerade deshalb war ich in den vergangenen Wochen unzufrieden, als sich viele Menschen über den vermeintlich zu frühen Herbst beschwerten. Nicht, weil ich ein Fan dieser Jahreszeit bin, sondern weil es damals eindeutig noch Spätsommer war. Während manche anscheinend denken, Kälte und „schlechtes“ Wetter allein machten schon den Herbst aus, gehört meiner Meinung nach noch einiges mehr dazu, um in mir Herbststimmung aufkommen zu lassen. Die Farbe des Himmels, die Stärke der Brisen, der kaum merkliche Duft in der Luft...passen auch nur wenige dieser Puzzleteile nicht, ist es noch nicht soweit. Aber seit gestern ist auch für mich nach einer langen Übergangsphase meine schönste Jahreszeit angebrochen. Denn es gibt in den Supermärkten nun wieder Satsumas zu kaufen. Diese mandarinenähnlichen Zitrusfrüchte gibt es jährlich immer nur ein paar Wochen zu Herbstbeginn zu kaufen, bevor sie von den meiner Meinung nach ledrigen, kernigen Clementinen der Weihnachtszeit verdrängt werden. Der süß-saure Geschmack, die glatte Schale, die winzigen Zitruspartikel, die sich beim Schälen in der Luft verteilen...ja, jetzt ist Herbst! Und die Farbe des Himmels stimmt auch endlich!

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Dienstag, 3. Juni 2014 von Nico Pannewitz

Dunkelheit schlägt Sonne

Dem Foto über diesem Text zum Trotz ist mein Teint nicht wirklich leichenblass. Dennoch bin ich nicht der größte Fan der hellen und warmen Sonnenstrahlen – herbstliche Temperaturen und der Nachthimmel liegen mir oft mehr. Deshalb ernte ich oft schiefe Blicke, obwohl ich mich mich zu keiner „düsteren“ Gruppe wie „Goths“ oder „Emos“ zähle. Ich schätze einfach nur die natürliche, mitunter melancholische Schönheit der Dunkelheit. Denn während man tagsüber unter der blauen, warmen Kuppel gerne der Vorstellung einer unabhängigen, kleinen „Welt“ erliegt, bricht diese Illusion in der Nacht zusammen. Umgeben vom kalten All und unzähligen Sternen im endlosen „leeren“ Raum bekomme ich nicht nur ein Gefühl für Weite und Freiheit, sondern sehe viele weltliche Sorgen auch in einem anderen „Licht“. Die Erkenntnis, nur ein verschwindend kleiner Teil eines viel größeren Ganzen zu sein und die Frage, was sich in der „unendlichen“ Dunkelheit vielleicht verbirgt, wirkt auf mich oft belebender, als mich tagsüber am Strand zu aalen. Auch für „schlechtes“ Wetter habe ich etwas übrig. Während wolkenloser Himmel, heißer Sonnenschein und Windstille auf mich steril und tot wirken, bringen Wolken, Wind und Regen Bewegung ins Leben. Natürlich bin ich kein Fan von gefährlichen Wetterextremen. Und ich will draußen kein Zwangsbad nehmen – wenn der Niederschlag zu stark wird, spanne auch ich den Regenschirm auf. Der saure Duft, der eine Regenfront oder ein Gewitter ankündigt, wirkt aber oft wie Ambrosia in meiner Nase. Da fällt mir ein: Ich habe meine Reise zu den skandinavischen Polarlichtern noch nicht gebucht!

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Tut das weh?

Ich denke, die Schmerzen müssen unerträglich sein.

Lisa Witsch am 03.06.2014 14:52:26

Sündige Gedanken!


Das Polarlicht scheint mitunter unkeusche Gedanken hervorzurufen. Es ist ein Irrglaube, dass das winters in Lappland auftretende Polarlicht die Fruchtbarkeit fördere.

In der Tat sieht man den Hotels weit mehr Thermo- als Reizwäsche. Besonders beliebt sind nördlich des Polarkreises Bungalows mit Glasdach zur Beobachtung des Nachthimmels.

Zudem wird wegen der aphrodisischen Wirkung mancherorts Pulver aus Rentierhorn verkauft.

Also: Ab ins Reisebüro.

Lothar Gerstenecker am 03.06.2014 11:14:15

Freitag, 21. März 2014 von Nico Pannewitz

Planen nach Ahnen

„Ihr Nachname?“ „Pannewitz – wie Panne und Witz hintereinander!“

Es ist interessant, dass es seit langem zu meinem Standardrepertoire gehört, anderen Menschen meinen Nachnamen zu erklären. Schließlich besteht er ja aus zwei deutschen Wörtern, die jeder kennt und nicht aus irgendeinem Kauderwelsch. „Das ist aber kein typisch deutscher Name, oder“ höre ich auch nicht selten. Meine einzige Reaktion ist dann stets ein ratloses Schulterzucken. Denn während anscheinend immer mehr Menschen versuchen, ihre Herkunft so genau wie möglich zu ermitteln, habe ich bisher kaum Ahnenforschung betrieben. Ich weiß lediglich, dass zwei Dörfer im Osten Deutschlands „Pannewitz“ heißen, es mal ein Uradelsgeschlecht namens „von Pannwitz“ sowie preußische Militärs mit meinem Nachnamen gab. Aber ob das Wissen um meine Ahnen etwas über mich und meine Persönlichkeit aussagt, bezweifle ich. Klar macht die Vergangenheit einen zu dem, was man ist, aber diese Vergangenheit liegt jetzt doch schon sehr weit zurück. Und schließlich definiere ich mich über die Gegenwart, die doch mit jeder Sekunde zu meiner „neuen“ Vergangenheit wird. In dem Sinne halte ich es nach dem Motto: Beurteilt mich allein nach meinen Taten – so seltsam sie manchmal auch sein mögen!

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