Mittwoch, 4. Mai 2016 von Nico Pannewitz

Die Jugend von heute

Junge Menschen haben schon seit Aristoteles in den Augen vieler Älterer stets eine schlechte Figur gemacht. Erst vor wenigen Tagen haben zahlreiche Kommentatoren die Veröffentlichung der neuen Sinus-Jugendstudie zum Anlass genommen, wieder über unsere Nachkommen herzuziehen. Denkfaul, unpolitisch, lethargisch und angepasst seien die Teens, lesen die Meckerer aus den Befragungen der Studie heraus. Wie diese ideenlosen Schäfchen denn in Zukunft einmal die Welt gestalten sollten, fragen sie.

Nun, schauen wir mal hinüber in die USA. Die Mitglieder der Generation Y, bzw. die Millenials (Geburtsjahr 1980 bis 1999) mussten sich dort lange dasselbe anhören und was ist nun? Laut den Berechnungen des Pew Research Centers sind sie seit kurzem zum ersten Mal zahlreicher als die Generation der Babyboomer. Und das zu der Zeit, in der dort das bisherige politische System durchgerüttelt wird wie noch nie. Zufall?

So lehnt laut einer Harvard-Studie mittlerweile eine Mehrheit der Millenials den Kapitalismus ab – zu einer Zeit, in der der sozialistisch angehauchte Bernie Sanders eine alte Dynastie der Demokraten ins Straucheln bringt. Und während immer mehr Amerikaner ihrem generellen Zorn über das politische System und politische Korrektheit Luft machen, macht sich ein vermeintlich Wahnsinniger auf, die Präsidentenkandidatur der Republikaner zu übernehmen. Alles ohne Zusammenhang? Ob diese Veränderungen letztendlich guter Natur sind, kann man höchstens einmal im Rückblick sicher beurteilen, aber Fakt ist: Die jungen Menschen sorgen für Veränderungen, die man teilweise nicht für möglich gehalten hat. Sie gestalten und bewegen wie ihre Vorfahren die Welt, egal wie sehr die Älteren sie als orientierungslos, unpolitisch und dumm bezeichnen.

Vielleicht liegt da auch ein Grund für das Belächeln der Jungen. Denn mit den Veränderungen stellen sie zwangsläufig die Ideen und geschaffenen Strukturen der Älteren in Frage – wodurch sich viele Ältere selbst in Frage gestellt sehen. Vielleicht sollten wir uns alle ein bisschen entspannen und akzeptieren, dass keiner von uns die zeitlich unabhängige Wahrheit gepachtet hat. Zweifel an unseren Vorstellungen zu behalten, kann nur gesund sein. Diese Botschaft richte ich aber an alle, auch an meine Altersgenossen der Millenials – denn einige von ihnen habe ich bereits über die jüngere Generation Z meckern gehört.

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Freitag, 1. April 2016 von Nico Pannewitz

Keine Angst vor Systemkritik?

Haben Sie schon mal über die Möglichkeit nachgedacht, dass die starke Systemkritik am deutschen Staat, die sich zurzeit vor allem in der Flüchtlingsthematik entlädt, den Staat in Wirklichkeit gut dastehen lässt? In den Augen von Daniel Patrick Moynihan wären wir gerade deshalb nämlich ein Vorzeigeland für Menschenrechte sowie Rede- und andere Freiheiten. Der frühere US-Botschafter bei den Vereinten Nationen prägte seinerzeit das „Moynihan-Gesetz“, laut welchem ein Land in Wirklichkeit umso weniger autoritär und menschenrechtsverletzend ist, je mehr öffentliche Beschwerden über Menschenrechtsverletzungen es dort gibt. Klingt zunächst widersprüchlich, aber es steckt eine historisch beobachtete Logik dahinter: In wirklich autoritären Regimen haben unterdrückte Einwohner kaum eine Chance, gehört zu werden. Entweder wird das bürgerliche Leben durch Angst oder Indoktrination so sehr kontrolliert, dass sie sich nicht trauen, ihre Stimme zu erheben oder der Informationsfluss wird vom Staat so stark gelenkt, dass ihre Stimme nicht allzu laut werden oder nach außen dringen kann. Nicht nur ein Rückblick auf das irakische Saddam-Regime in seiner Blütezeit oder ein Blick auf das heutige Nordkorea scheinen diese seltsame Regelmäßigkeit zu bestätigen: Je mehr sich Bürger über den Staat beschweren (können), desto freier ist die Gesellschaft in Wirklichkeit oder je schwächer ist der ideologische und logistische Apparat des Regimes.

Selbst wenn wir dem „Moynihan-Gesetz“ glauben, wäre das für Deutschland aber trotzdem kein Grund, sich auf seinen „Lorbeeren“ auszuruhen. Denn eine Gefahr für unsere Freiheiten liegt momentan weniger in staatlichen, bürokratischen Strukturen als vielmehr in den Köpfen der Bürger, die das Land und den Staat eben ausmachen. Das Missverständnis, dass Kritik an der eigenen Meinung oder andere Meinungen gleichbedeutend sind mit Zensur oder Einschränkung der eigenen Rechte, scheint nämlich immer weiter um sich zu greifen – eine narzisstische Umdeutung des Freiheitsbegriffs und ein intellektueller Zerfallsprozess mit vielen weiteren Facetten, den man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Denn letztlich ist eine Kette nur so stark wie ihre Glieder.

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Freitag, 18. März 2016 von Nico Pannewitz

Biologie statt Unterdrückung

Es gibt in der Welt manche „ungeschriebenen“ Gesetze, die zunächst völlig widersprüchlich erscheinen, mit ein wenig Forschung und Nachdenken aber doch Sinn ergeben. So hat das „norwegische Geschlechter-Gleichheits-Paradox“ vielen Menschen Kopfzerbrechen bereitet.

Denn wie kann es sein, dass sich in Norwegen, einem der Länder mit der größten Rechts- und Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern, überdurchschnittlich viele Frauen in „typischen“ Frauenberufen aufhalten, während in einem Land wie z.B. Pakistan, in dem die Geschlechtergleichheit noch lange nicht so weit fortgeschritten ist, sich prozentual mehr Frauen auch in „typisch“ männlichen, technischen Feldern betätigen?

Abseits von feministischen Verschwörungstheorien einer subtilen patriarchalen Unterdrückung haben wissenschaftliche Studien durchaus eine logische Erklärung für dieses „Rätsel“ gefunden: Denn je reicher und chancengleicher ein Land ist, desto mehr können sich biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Lebensplanung entfalten. In Ländern, in denen die Geschlechter nicht so frei sind und der politische sowie wirtschaftliche Druck stärker ist, sind sie bei ihrer Arbeitssuche nämlich oft nicht sehr wählerisch, selbst wenn der Job nicht zu ihren persönlichen Interessen passt. In Norwegen, wo Mann und Frau sich persönlich entfalten und fast alles tun können, was sie wollen, folgen sie bei der Arbeitssuche dagegen eher ihren persönlichen Lebensinteressen. Und die sind nachweislich zu einem bedeutenden Anteil genetisch vorangelegt.

Auch wenn manche Feministinnen bestimmte biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht akzeptieren wollen: Je gleicher Mann und Frau in einer Gesellschaft gestellt sind, desto „ungleicher“ können sie in manchen Bereichen erscheinen.

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Samstag, 9. Januar 2016 von Nico Pannewitz

HD ist nicht gleich HD

Als sich vor rund zehn Jahren Fernseher mit hochauflösenden Bildern (High Definition) langsam in deutschen Wohnzimmern durchsetzten, fühlten sich manche Käufer veräppelt. Denn obwohl sie einen angeblich „HD-kompatiblen“ Kasten gekauft hatten, bekamen sie weiterhin nur SD (Standard Definition) angezeigt – der Fernseher konnte lediglich das HD-Signal empfangen, es jedoch nicht darstellen. Wirklich HD-fähige Bildschirme waren stattdessen „HD ready“ – eine Definitionsverwirrung, durch die einige schon zu Beginn des HD-Zeitalters merkten, dass HD nicht immer gleich HD ist. Und mit der Weiterentwicklung der Technologie ging das geradewegs so weiter. Das ehemalige HD (1280 x 720 Pixel) wurde im Laufe der Jahre im Fernsehersortiment zu „Sub HD“ umgetextet und weitgehend von „Full HD“ (1920 x 1080 Pixel) verdrängt. Ein „Full“-mundiger Begriff, der den Anschein erweckte, dass man bereits am oberen Ende der Auflösungsmöglichkeiten angelangt sei. Doch weit gefehlt: Seit einigen Jahren gibt es große Fernseher mit 3840 x 2160 Pixeln, ursprünglich als 4K-TVs bezeichnet (4K als Abkürzung für grob 4000 Pixel). Doch auch diese Bildschirme sind nicht von der ansteckenden HD-„Krankheit“ verschont geblieben: Mittlerweile heißen sie „Ultra HD“. Wann die Inflation an HD-Superlativen wohl aufhören wird? Wenn „Mega-“, „Giga-“ und „Cosmic HD“ durchgereicht wurden? Wenn ältere oder nicht so technikaffine Menschen beim Fernseherkauf total verzweifelt sind, weil sie die Formate nicht mehr auseinander halten können? Vielleicht ist erst dann ein Ende der Fahnenstange erreicht, wenn das Fernsehen tatsächlich gemäß dem bekannten Fernsehslogan „schärfer als die Realität“ geworden ist. Ab diesem Punkt machen einige Pixel mehr oder weniger nämlich keinen Unterschied mehr.

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Mittwoch, 1. April 2015 von Nico Pannewitz

Übersättigt vom Grauen

Autofahrer, die an Unfallstellen vom Gas gehen, um ja auch ein bisschen gaffen zu können, mag ich eigentlich nicht. Deshalb kann ich dieser Tage ganz offen sagen: Ich mag mich nicht. Mag nicht, wie viel ich von außen auf den Flugzeugabsturz der A 320 in Südfrankreich gegafft habe. Wie viel Zeit ich darauf verwendet habe, mir im Netz die wildesten Spekulationen durchzulesen, die trivialsten Diskussionen zu verfolgen und die sinnlosesten Computer-Animationen anzuschauen. Und dass ich es mir angesehen habe, obwohl ich wusste, dass vieles davon keine Information, sondern nur „Inhalt“ war. Und viele der Informationen nicht wertvoll zur Klärung des Unglücks waren, sondern nur um ihrer selbst Willen gesammelt worden waren. Als Journalist weiß ich, wie getrieben viele Medienunternehmen sind, das Interesse der Öffentlichkeit rund um die Uhr irgendwie zu befriedigen. Aber als privater Medienkonsument muss ich sagen, dass für mich jetzt Schluss ist. Ich bin satt, ja übersättigt vom Grauen um den Flugzeugabsturz. Ja, die Ursachen sollten so gut geklärt werden wie möglich, aber bitte für die Beteiligten, nicht für meinen voyeuristischen Informationsbedarf. Ich will davon erst mal nichts mehr lesen, bin überfüllt vom Blut der vielen armen Toten. Ich verlasse die Unfallstelle, auf der Suche nach etwas Neuem, das meine Neugier befriedigen kann. Die anderen Unfallstellen vor mir würdige ich sowieso kaum eines Blickes. Tote im Jemen? Tote bei den Wahlen in Nigeria? Ist doch selbstverständlich, nichts Besonderes mehr! Schließlich habe ich doch schon zu viel davon in den Nachrichten gesehen, bin schon lange übersättigt. Abgestumpft und nicht mal zynisch, sondern zunehmend gleichgültig gegenüber dem Leid anderer Leute zu sein – vielleicht ist die riesige Nachrichtenflut nicht allein an meinem wachsenden Desinteresse schuld. Sondern auch ich, weil ich anfangs zu viel Interesse gezeigt und mich daran überfressen habe. Allerdings aus den falschen Gründen – wie ein voyeuristischer Gaffer eben.

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