Donnerstag, 17. März 2016 von Lydia Wania-Dreher

Endspurt in Richtung Ostern

In etwas mehr als einer Woche ist Ostern. Meine Tante, meine Oma und meine Mutter werden dann wieder gemeinsam ein mehrgängiges Festmahl kochen. Schon beim Gedanken daran, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Auch, weil ich seit vielen Jahren in der Fastenzeit auf bestimmte Dinge verzichte. Ganz bewusst gönne ich mir nicht alles. Doch in diesem Jahr war es irgendwie anders. Sonst hatte ich immer wieder Heißhunger auf ein paar knusprige Chips oder einen Keks mit Schokoladenüberzug. Dieses Mal verging meine Fastenzeit wie im Flug. Es gab nur sehr wenige Situationen, in denen ich den Verzicht wirklich spürte. Vielleicht faste ich das Falsche oder bin ich mittlerweile ein richtiger Profi in Sachen Verzicht? Ich weiß es nicht, aber nächstes Jahr möchte ich mal etwas Neues ausprobieren. Vielleicht ähnlich dem Vorschlag der ökumenischen Fastenaktion „Sieben Wochen mit“. Hier wird nichts weggelassen, sondern der eigene Konsum kritisch beäugt.

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Mittwoch, 9. März 2016 von Lydia Wania-Dreher

Studie am laufenden Band

An der Supermarktkasse werde ich zur Soziologin. Mit wachem Verstand wird die Umgebung gescannt. Einer nach dem anderen kommt dran.

Mein hochgewachsener Vordermann hat seine paar Sachen schon aufs Band gelegt. Wenig ergiebig, typisch Mittagspausler: ein Salat to go, Mehrkornbrötchen und Molkedrink mit Erdbeergeschmack. Interessanter ist da doch die junge Frau. Die hat wenigstens mengenmäßig etwas mehr zu bieten: Fünf-Korn-Flocken, Leinsamen und ungeschwefelte, gedörrte Aprikosen. Neben ihr liegt das halbe Naturkostregal. Dazu Bio-Hafermilch, wahrscheinlich hat sie eine Laktoseintoleranz. Natürlich darf das Sprossen-Anzucht-Set nicht fehlen. Meine Fantasie geht mit mir durch: Wahrscheinlich wird die Ökotante jetzt nach Hause gehen und eine ganze Armada an Mungbohnen großziehen. Von der Fensterbank aus werden die bleichen Stängel in Massen die Wände entlangwandern und so innerhalb kürzester Zeit die ganze Wohnung erobern. Das Sprossenimperium kann dann nicht mehr gestoppt werden.

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Samstag, 20. Februar 2016 von Lydia Wania-Dreher

Nachgebrabbelt, nicht gepaukt

Muttersprache – das ist etwas Schönes. Es hat so viel mit Heimat und Geborgenheit zu tun. Es sind die Wörter, die man in der frühen Kindheit ohne Unterricht erlernt. Einfach so durchs Nachbrabbeln. Ohne Grammatikpauken und Vokabeln lernen. Forscher gehen davon aus, dass nach der Pubertät keine andere Sprache mehr diesen Platz im Gehirn einnehmen kann. Die UNESCO findet dieses Gut schützenswert. Sie führte vor 16 Jahren den Internationalen Tag der Muttersprache am 21. Februar ein. Die Organisation möchte damit die sprachliche und kulturelle Vielfalt sowie die Mehrsprachigkeit fördern. Das geschieht vor allem vor dem Hintergrund, dass gut die Hälfte aller weltweit gesprochenen Sprachen vom Aussterben bedroht ist. Auch das Schwäbische, das im Wörterbuch jedoch als Dialekt und nicht als Sprache aufgeführt wird, sehen einige Forscher als gefährdet an. Das liege unter anderem daran, dass seit den 1970er- und 1980er-Jahren in Schulen die Mundart nicht mehr gern gehört wurde. Andere meinen wiederum, dass die Sprache schon immer im Wandel ist, und sich das Schwäbische nur verändern wird.

Ich selbst schwätze kein urschwäbisch. Doch jeder außerhalb von Württemberg weiß gleich, wo ich hin gehöre, wenn ich mit ihm ein paar Sätze wechsle. Ich finde es toll, wenn ich in den Gemeinden im Zollernalbkreis unterwegs bin und gleich höre: Ah, der kommt wohl aus Ostdorf oder die muss von Geislingen sein. Schön, wenn man seine Muttersprache und damit seine Heimat pflegt.

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Mittwoch, 30. Dezember 2015 von Lydia Wania-Dreher

Wotan in der Wäsche

Ich habe etwas ganz Schlimmes getan. Und das gleich zweimal. Ich habe zwischen den Jahren Wäsche gewaschen. Das bringt Unglück, sagt ein alter Volksglaube. Bisher habe ich mich immer an diese Vorgabe gehalten – wer weiß was da dran ist. Nur in diesem Jahr nicht. Der Schrank war leer, der Berg an Schmutzwäsche groß. Doch woher kommt eigentlich die seltsame Regel, dass man zwischen Weihnachten und Neujahr nicht waschen soll? Das Internet spuckt zahlreiche Erklärungen aus. Einmal soll der nordische Gott Wotan schuld sein. Er streife in dieser Zeit herum und könnte sich in der Wäscheleine verheddern, das bringe Verderben. Andere meinen, die sogenannten Raunächte zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar seien schuld. Hier würden Geister ihr Unwesen treiben und diese würden durch die flatternden Laken angelockt werden.

Ich glaube, der Grund ist ganz praktisch: Wäsche waschen war früher harte, körperliche Arbeit. Zwischen den Feiertagen, an den normalerweise viel gekocht wurde, sollten sich die Frauen auch einmal ausruhen können. Diese Erholung habe ich meiner Waschmaschine in diesem Jahr nicht gegönnt – sie wird es mir verzeihen.

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Freitag, 6. November 2015 von Lydia Wania-Dreher

Die bunte Mauer macht glücklich

Am 9. November 1989 fiel die Mauer zwischen Ost- und Westberlin. Für viele Deutsche ein besonderer Moment. Ich kann mich nicht an diesen Tag erinnern, ich war gerade einmal drei Jahre alt. Doch kürzlich spürte ich ein bisschen von diesem besonderen Moment. Ich spazierte nach einem sonnigen, tollen Tag in Berlin in der Abenddämmerung an den bemalten Mauerresten der East Side Gallery entlang. Auf dem breiten Gehweg tummelten sich Trauben von jungen Menschen aus verschiedensten Nationen. Gemeinsam schauten sie sich die Kunstwerke oder deren Repliken an, die kurz nach dem Mauerfall voller Freude über die Wiedervereinigung gestaltet wurden. Sie bewunderten die damit verbundenen Aufforderungen für Frieden und Freundschaft, die nichts an ihrer Aktualität verloren haben. Jede Menge Selfies wurden geknipst. Diese fröhliche, weltoffene Stimmung steckte mich an. Auch ich machte ein Erinnerungsfoto von Dmitri Vrubels „Bruderkuss“, schlenderte zwischen Straßenkünstlern und Musikern die 1,3 Kilometer entlang und freute mich – vielleicht zum ersten Mal bewusst – Teil eines vereinten, friedlichen Europas zu sein.

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