Donnerstag, 27. Juli 2017 von Nicole Leukhardt

Schutzengel mit Spätschicht

Es war schon lange dunkel in der Samstagnacht neulich und wir auf dem Heimweg auf der B 463 von Sigmaringen nach Weilstetten. Vor uns fuhren ein paar Autos, die am Laufener Ortsschild vom Gas gingen. Im Rückspiegel allerdings kam ein Wagen von hinten geradezu angeflogen, setzte den Blinker links und versuchte, uns zu überholen über eine Linksabbiegerspur. Das Pech des Fahrers war das Auto vor ihm, das stark bremste, weil es die Spur tatsächlich zum Abbiegen nutzte. Kaum aus dem Laufener Tunnel heraus, setzte der Mercedes wieder den Blinker und rauschte diesmal an uns vorbei. Wir wichen nach rechts aus, um dem Raser Platz zu machen, denn vor uns waren ebenso Autos wie auf der Gegenspur. Wir beobachteten noch ein weiteres, absurd gefährliches Überholmanöver und riefen dann die Polizei. Man versprach uns, die Reviere in der Umgebung zu informieren, denn keine der beiden Streifen sei gerade abkömmlich. Ich mache mir keine Hoffnungen, dass man in dieser Nacht den Raser von der Straße geholt hat. Wohl aber hoffe ich, dass alle, die ihm begegnet sind, einen so guten Schutzengel hatten wie wir. Und er.

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Samstag, 22. Juli 2017 von Nicole Leukhardt

Beistand von allen Seiten

Was von alleine angefangen hat, hört auch von alleine wieder auf. Mit dieser Einstellung machte ich lange Zeit nach Kräften einen großen Bogen um jede Arztpraxis. Zipperlein, so redete ich mir ein, haben ihre Berechtigung dann im Alter. Irgendwann. Meine Lebensmaxime änderte sich schlagartig, als ich Mutter wurde. Wer ein Kind entbunden hat, den schreckt ein profaner Nadelpieks garantiert nicht mehr. Seither hangle ich mich also tapfer von Termin zu Termin. Das mulmige Gefühl, das neulich im Wartezimmer des Zahnarztes langsam durch mein Inneres kroch, schob ich auf den verstörend bunten Teppichboden zu meinen Füßen. Und so konzentrierte ich meine Gedanken auf die Gardinen und die Wandfarbe und entsann eine völlig andere Inneneinrichtung. Und plötzlich begann es neben mir zu murmeln. Ich wagte einen Blick nach links und stutzte. Der Patient, der neben mir auf seinen Termin wartete, schien sich von der quietschbunten Auslegeware nicht beruhigen zu lassen. Er betete einen Rosenkranz. Offenbar bin ich nicht die einzige, die vor Arztterminen ein bisschen Ablenkung braucht. Von unten oder von oben – Hauptsache es funktioniert.

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Mittwoch, 12. Juli 2017 von Nicole Leukhardt

Die Salbe gegen Selbstmitleid

Ich hatte es den ganzen Vormittag ertragen, die Stelle an der rechten Wade immer wieder mit einem feuchten Tuch gekühlt und mich beherrscht, nicht wie eine Verrückte zu kratzen. Eine Bremse hatte mich gepiesackt und der Stich war dick geschwollen und juckte höllisch. In der Mittagspause beschloss ich, die Hitze in der Stadt auf mich zu nehmen, um in einer Apotheke eine Salbe zur Linderung zu kaufen. Ich klagte der freundlichen Dame hinterm Tresen mein Leid und sie entschwand ins Nirwana der kleinen Schublädchen. Als ich gerade dabei war, in Selbstmitleid zu baden, verfolgte ich unabsichtlich ein Beratungsgespräch neben mir. Eine Frau in meinem Alter begutachtete gemeinsam mit der Angestellten den kleinen Berg aus bunten Schachteln vor ihr. Das eine Medikament wirke eher anregend und stimmungsaufhellend und sei morgens zu nehmen. Die Schlafmittel nur sparsam dosiert und kurz vorm Schlafengehen. Die Schmerztabletten nach Bedarf. Ich nahm mein kühlendes Gel in Empfang, bedankte mich und verließ die Apotheke mit einer Salbe und einer Erkenntnis: Mein Mückenstich mochte lästig sein, aber gemessen an anderen Problemen wirklich kein Grund zu jammern.

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Mittwoch, 5. Juli 2017 von Nicole Leukhardt

Zu viel nackte Tatsachen

Ein Gymnasium in Hamburg-Eppendorf hat vor ein paar Tagen seine Schulordnung geändert. Kurze Shorts, tiefe Ausschnitte, ein sichtbarer Bauchnabel – ab sofort ein Tabu. Die Intention dieser Regel: An der Schule soll eine Atmosphäre des Lernens und Lehrens herrschen, dazu gehöre angemessene Kleidung. Zu viel nackte Haut sei dem Ort nicht angemessen. So sehr ich diese Ansicht teile, so traurig finde ich, dass eine Schule auf solche restriktiven Maßnahmen zurückgreifen muss. Wie man miteinander spricht, was Manieren sind und was angemessene Kleidung ist – nicht die Schule sollte diese Werte vermitteln müssen, sondern das Elternhaus, in dem die Kinder und Jugendlichen aufwachsen und sozialisiert werden. Wenn sie es dennoch nicht gelernt haben, bis sie im Gymnasium darauf per Schulordnung aufmerksam gemacht werden, finde ich eine solche Regelung akzeptabel. Nur bei einem Argument, das in diesem Zusammenhang oft angeführt wird, stellen sich mir die Nackenhaare auf: Wer einen kurzen Rock trägt, sei selbst Schuld, wenn er blöd angemacht oder gar angegrapscht würde. Denn jeder hat das Recht auf Unversehrtheit, ganz egal wie viel Haut er zeigt.

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Dienstag, 13. Juni 2017 von Nicole Leukhardt

Sag öfter mal was Nettes!

So wie andere Leute in einem Museum vor alten Meistern ehrfürchtig innehalten, stand ich kürzlich vor der Gemüseauslage eines Supermarkts. Ich staunte über liebevoll drapierte Tomaten in Gelb-, Schwarz- und Rottönen, über appetitlich dargebotenen Salat, über Auberginen mit weiß-violetter Zeichnung und über duftend frische Kräuterbüschel, die die Auslage wie ein Gemälde einrahmten. Der weitere Bummel durch den Markt bestätigte meinen ersten Eindruck: Ordnung, Vielfalt und Sauberkeit wohin ich auch sah. An der Kasse schließlich sagte ich der Dame, die meinen üppigen Korbinhalt über den Scanner zog, dass ich den Laden richtig toll fände und dass das Einkaufen Spaß gemacht hätte. Sie guckte mich ungläubig an und sagte: „Sie sind die Erste, die hier mal was Nettes sagt. Sonst meckern die Leute nur.“ Wir gingen mit einem Lächeln auseinander. Und ich mit einer Erkenntnis nach Hause: Nette Worte machen das Leben schöner. Auf beiden Seiten.

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