Donnerstag, 18. Juni 2015 von Hannes Mohr

Nimmermehr

Es war zu früher Stunde; das Klingeln meines Weckers stand kurz bevor. Das erste Licht des Tages, das durch die Gardinen seinen Weg ins Zimmer suchte, ließ mich langsam aufwachen. Und während meine Gedanken noch zwischen Traum und Wirklichkeit hin- und herwechselten, riss mich plötzlich ein lautes Klopfen jäh aus dem bisschen Rest von Schlaf. Es kam von einer Fensterscheibe. Schlaftrunken taumelte ich ins benachbarte Zimmer. Dort saß sie auf dem Balkon: ein Krähe. Heftig und zielgerichtet klopfte sie mit ihrem Schnabel gegen die gläserne Tür. Kurz schaute ich zu; doch alsbald öffnete ich das Fenster und sie flog hinfort. Ohne Entschuldigung, ohne Erklärung für die morgendliche Störung. Einen Tag später, während der Morgen noch graute, stand der ungebetene Gast erneut auf dem Balkon und klopfte, als wollte er um Einlass bitten. Ich dachte: „Lass mich schlafen.“ Doch das klopfen hörte nicht auf, als wollte mir die Krähe antworten: „Nimmermehr.“ Wieder öffnete ich das Fenster. Erneut suchte das gefiederte Tier das Weite. Anders als bei Edgar Allan Poe wollte der Rabenvogel also keine mystische Botschaft überbringen. Vielmehr verteidigte er sein Revier. Denn bei dieser Krähe, so das Ergebnis meiner anschließenden Recherchen, handelt es sich wohl um ein sogenannten „Spiegelfechter“. Die Krähe hielt ihr Spiegelbild im Fenster für einen fremden Artgenossen. Und während der Brutzeit werden Konkurrenten sofort attackiert und vertrieben. Nur wollte das Spiegelbild nicht weichen. Was wich, war höchstens mein Schlaf. Mittlerweile hat es der Vogel aufgegeben; bis jetzt ist er nicht mehr aufgetaucht.

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Donnerstag, 11. Juni 2015 von Hannes Mohr

Wie sehen Erdbeeren aus?

Unsere Ansichten sind oft unterbewusst von Werbung und anderen parteiischen Informationsquellen geprägt. Das wurde mir kürzlich erst wieder bewusst, als ich mich zum Erdbeerenpflücken auf einem Feld hier in der Region befand. Zwei Kinder sprangen zwischen den Pflanzenreihen hin und her auf der Suche nach den besten Früchten. „Schau, die hier sieht wie eine echte Erdbeere aus“, sagte das eine Kind zum anderen. Mit einem Ruck zog sie die perfekt geformte Frucht vom bodennahen Strauch. Da fragte ich mich, wie denn eine Erdbeere aussehen muss, um „echt“ zu sein? Die Reklame gibt heute vor, wie Lebensmittel auszusehen haben. Alles andere scheint nicht richtig zu sein. So kommt es vor, dass vermeintlich hässliches Obst und Gemüse bereits bei der Ernte aussortiert wird – und im schlimmsten Fall im Mülleimer landet. Nur die besten schaffen es in die Auslage im Supermarkt. Dass die Erdbeere, der Apfel oder die Gurke, die vielleicht etwas schräger gewachsen sind oder Dellen haben, genauso gut schmecken und nahrhaft sind wie ihre anscheinend perfekten Artgenossen, darüber macht man sich selten Gedanken. Schön ist es daher zu beobachten, dass sich seit ein paar Jahren ein Gegentrend entwickelt. Kampagnen und immer mehr Supermärkte werben für das „hässliche“ Obst und Gemüse. Denn, wenn man mal genau darüber nachdenkt, gibt es keinen wirklichen Unterschied.

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Dienstag, 14. April 2015 von Hannes Mohr

Erinnerungen in der Nase

Es ist Frühling. Ich fahre in meinem Auto mit geöffnetem Fenster eine Straße entlang. Vor mir knattert ein Rollerfahrer. Er scheint jung zu sein. Ich denke mir zunächst nichts dabei. Dann plötzlich fangen die Abgase des Zweirads vor mir an, durch mein geöffnetes Autofenster zu dringen. Kaum treffen die Moleküle auf die Rezeptoren in meinen Nasenschleimhäuten, macht es „Klick“ in meinem Kopf. Scheinbar war es meinem Gehirn wichtig, genau zu diesem Zeitpunkt in Verbindung mit diesem Geruch eine bestimmte Erinnerung abzurufen. Kurz zuvor kamen mir die Abgase des Rollers als Gestank vor. Nun haben sie sich auf einmal in einen herrlichen Duft verwandelt. Der Duft der erste mobilen Unabhängigkeit. In Gedanken bin ich wieder 16 Jahre alt, der erste eigene Roller, die erste richtige Freiheit, nicht länger abhängig von „Taxi Papa“. Dieser Duft, entstanden durch einen kleinen Funken in der 50 Kubikcentimeter großen Verbrennungskammer des Zweitaktmotors meines kleinen Piaggios, war täglicher Begleiter, wenn ich in die Schule oder zu Freunden fuhr. Heute erinnert er mich an schöne Zeiten. Erinnerungen werden eben nicht nur durch Bilder geweckt. Nein, sie gehen auch durch die Nase.

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Samstag, 28. März 2015 von Hannes Mohr

Das Schlangen-Dilemma

Im Supermarkt oder im Kaufhaus habe ich grundsätzlich das Gefühl, mich stets an der langsamsten Warteschlange anzustellen. An allen anderen Kassen geht es vermeintlich schneller voran. Das ist natürlich Quatsch. Und dennoch hat man diese subjektive Einschätzung. Daran habe ich mich gewöhnt. Aufregen bringt nichts – lieber die Zeit nutzen und noch ein wenig Willenskrafttraining vor dem Regal mit den Spontankäufen absolvieren. Oder man philosophiert über die Einkäufe im Wagen der anderen Kunden.

Amüsant finde ich diejenigen Leute, die glauben, mit gekonnter Kassen-Wechsel-Taktik schneller voranzukommen. Der Schuss kann nach hinten losgehen. Als ich mich neulich im Supermarkt an eine Kasse angestellt hatte, ging es einem Paar vor mir nicht schnell genug. Gemeinsam spähten sie zu der Kasse nebenan. Da sollten sie um einiges schneller zum Abschluss kommen, vermuteten beide. Also schnell rüber. Gut für mich; ich rückte vor. An der anderen Kasse ging es ihnen ebenfalls zu langsam. Also wieder zurück in „meine“ Schlange – diesmal hinter mich. An der Schlange nebenan freute sich ebenfalls vorgerückter Kunde über den Wechsel der Beiden. Das Ende vom Lied: Sowohl der Nachrücker an der Kasse neben mir, als auch ich kamen vor dem Mann und der Frau zum Bezahlen. Ohne das Wechselmanöver hätten sie uns hinter sich gelassen.

Aufgrund dieses Warteschlangen-Dilemmas haben viele Kaufhäuser mittlerweile umgestellt auf ein System mit einer einzigen Schlange. Das schont die Nerven der Kunden, die sich nicht mehr qualvoll für eine Schlange entscheiden müssen – um sich dann doch wieder falsch anzustellen. Zu kurz kommt dann keiner mehr.

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Dienstag, 3. März 2015 von Hannes Mohr

Für gutes Bild nicht zu schade

Ich fotografiere leidenschaftlich gern. Angesteckt mit dem Knips-Virus habe ich mich bereits als Kind in einem Fotolabor: Als das Bild im Säurebad vor meinen Augen langsam wie von Zauberhand auf dem Fotopapier entstand, war es um mich geschehen. Von meinem Vater bekam ich damals eine kleine Kamera geschenkt. An die Marke kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, in sie passten die kleine Pocket-Kassettenfilme vom Typ 110. Fortan wurde alles geknipst.

Die Leidenschaft ist bis heute geblieben. Und für ein gutes Bild bin ich mir nicht zu schade. Ich krieche auch mal durch den Dreck oder balancier auf einem Fuß auf einem wackeligen Hocker für die beste Perspektive – sehr zum Nachteil meiner Klamotten und Gesundheit. Als ich vor einiger Zeit mal wieder mit der Perspektive spielte, legte ich mich flach mit dem Bauch auf einen Fahrradweg, um die vielen kleinen Splitsteinchen ganz nah vor die Linse zu bekommen. Ich war fasziniert, wie so kleine Steinchen dank der tiefstehenden Sonne solch lange Schatten werfen konnten. Als ich durch die Linse schielte und ein Foto nach dem anderen schoss, quietschten hinter mir plötzlich Reifen. Eine Frau war mit ihrem Auto auf den Fahrradweg gefahren. Sie nahm an, ich befinde mich in einer medizinischen Notsituation, so wie ich da lag. Ich erklärte ihr, dass ich nur wegen der vielen kleinen Steinchen und der tollen Perspektive auf dem Boden liege. Sie schaute mich ungläubig an, verstand nicht ganz, was ich ihr erklären wollte. Aber sie war froh, dass mir nichts passiert war. Im Nachhinein war mir die Situation dann peinlich. Doch das nächste Motiv wartete schon – plötzlich war wieder alles vergessen.

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