Samstag, 6. Februar 2016 von Hannes Mohr

Ein Tisch für 20

Wenn ich Urlaub im Ausland mache, versuche ich stets einige Sätze in der Landessprache zu lernen. Ein paar Sprachfetzen erleichtern den Aufenthalt enorm. Bevor ich bei meinem jüngsten Besuch in Italien einen Tisch in einem Restaurant bestellen wollte, schnappte ich mir also ein Wörterbuch und bastelte einen Satz zusammen. So schwer war es nicht; ich wollte nur einen Tisch für zwei Personen um 20 Uhr reservieren. Ich sprach mein Wortwerk noch ein paar Mal laut aus, dann griff ich zum Hörer. Dabei hatte ich nicht bedacht, dass eventuell eine Rückfrage kommt. Genau das passierte aber. Meine Italienischkenntnisse reichten nicht aus, um das Anliegen des Wirtes richtig zu deuten. Ich verstand gerade noch, dass er sich der Uhrzeit vergewissern wollte. Er fragte so etwas wie: „A che ora?“ – „Um wie viel Uhr?“ Ich wiederholte „Venti ora“ – „20 Uhr“ – in schlechtem italienisch. Er fragte nach: „alle otto?“ – also: „Um acht?“ Doch mein Kopf wollte mir in diesem Moment partout nicht die Übersetzung des Wortes „otto“ liefern. Nein, um 20 Uhr, bekräftigte ich. Unwissend, dass der Wirt nicht in der 24-Stunden-Zählung rechnete.

Am Ende bekräftigte ich noch mal: „Venti!“ und hoffte, dass uns ein Tisch freigehalten wird. Nachdem ich aufgelegt hatte, fragte mich meine Freundin, die mich die ganze Zeit belauscht hatte: „Du hast jetzt aber nicht aus Versehen einen Tisch für 20 Personen bestellt.“ Nein, natürlich nicht. Oder doch? Ich wusste ja nicht genau, was der Wirt mir sagen wollte. Erleichterung im Restaurant: Es wartete auf uns ein Tisch für zwei Personen um 20 Uhr – scusa, ich meinte: „alle otto.“

Kommentare unserer Leser

Bitte beachten: Ab sofort können nur noch Abonnenten kommentieren. Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Dienstag, 20. Oktober 2015 von Hannes Mohr

Fahrender Nussknacker

Autos sind Wunder der Technik, eine mobile Revolution. Sie stehen für Freiheit und Unabhängigkeit, sind Wirtschaftsmotor unseres Landes. Für manch ein Erdengeschöpf sind sie aber einfach nur: riesige Nussknacker. Sobald im Herbst die Nüsse an den Bäumen und Sträuchern so richtig schön knackig sind, machen sich nicht nur Eichhörnchen darüber her. Auch Vögel schätzen den milden, nussigen Geschmack und den hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren. Wäre da nicht diese harte, schwer überwindbare Schale. Nagetiere knacken die widerstandsfähige Hülle gekonnt mit ihren scharfen Schneidezähnen. Vögel müssen dagegen erfinderisch sein. Kürzlich landete rund 100 Meter vor mir eine Krähe auf der Straße, platzierte dort eine Walnuss und flog wieder weg. Na gut, tue ich ihr den Gefallen, dachte ich. Anvisieren, noch etwas nach links – ja, so müsste es klappen. Ein kurzes „Krack“ – nein, die Scheibe war nicht gerissen. Aber die Nuss war geknackt. Im Rückspiegel sah ich, wie sich die Krähe, die in sicherem Abstand abgewartet hatte, über die Walnuss hermachte. Respekt vor soviel Einfallsreichtum. Da spiele ich gerne den Nussknacker.

Kommentare unserer Leser

Bitte beachten: Ab sofort können nur noch Abonnenten kommentieren. Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Dienstag, 13. Oktober 2015 von Hannes Mohr

Resteverwertung per Smartphone

Nicht immer hat man den Inhalt des Kühlschranks im Blick. Will man dann abends mal den Kochlöffel schwingen, fehlt meist eine oder mehrere Zutaten für das Lieblingsgericht. Halb so wild. Also kocht man einfach mit den Lebensmitteln, die im Haus sind. Langes Schmökern in Kochbüchern ist passé. Heute tippt man einfach die vorhandenen Hauptzutaten in das Dialogfeld einer App – und schon spuckt das Programm passende Rezepte aus einer riesigen Datenbank aus. Das simple Programm verhindert das unnötige Wegwerfen von Lebensmitteln. Denn ab und zu verdirbt doch mal was, weil man meint, es aktuell nicht passend verarbeiten zu können.

Früher war das nicht viel anders: Was heute die Online-Rezept-Sammlung ist, war einst das Gedächtnis von Mama oder Oma. Sie wussten immer sofort, was man aus den vorhandenen Zutaten machen kann. Ihre App ist ihre Erfahrung. Zwar soll Albert Einstein einst gesagt haben: „Ich belaste mein Gedächtnis nie mit Dingen, die ich irgendwo nachschlagen kann“. Doch so ein wenig Grundlagen im Kopf erleichtern den Alltag ungemein. Und vielleicht kommen dabei ganz neue Rezepte zustande. Es kann sich also lohnen, ab und zu den Kopf einschalten, anstatt das Smartphone.

Kommentare unserer Leser

Bitte beachten: Ab sofort können nur noch Abonnenten kommentieren. Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Dienstag, 29. September 2015 von Hannes Mohr

Sechser im Tier-Lotto

Vielleicht liegt es an der Ortsrandlage – zumindest ist rund um mein Zuhause tierisch was los: Erst die lästige Krähe, dann der rabiate Marder und nun auch noch ein Falke. Das edle Tier macht es sich seit rund einem Monat auf einem unserer Dachbalken bequem. Stolz thront der Greifvogel ab dem späten Nachmittag im Gebälk und genießt den Blick auf den Albtrauf in der feuerroten Abendsonne. Alles kein Problem, würde er nicht Balkon, Geländer und Wände mit seinen Hinterlassenschaften „verzieren“. Und ich spreche hier nicht von kleinen Klecksen, wie sie Haussperling, Rotkehlchen und Konsorten hinterlassen. Das Gewölle sieht aus, als hätte eine Herde Elefanten ihr Geschäft verrichtet. Mein erster Gedanke: Wie werde ich das Tier wieder los? Doch möchte man solch einen prachtvollen Vogel überhaupt loswerden? Schenkt man Vogelkundlern Glauben, ist ein Falke am Haus wie ein Sechser im Lotto: äußerst selten und von großem Vorteil. Denn auf dem Speiseplan von Wanderfalken stehen auch Tauben. Diese Biester haben mir schon einmal bei meinem Versuch, Rasen anzupflanzen, den Großteil der Saat weggeknabbert. Früher kamen sie täglich, um das Erdreich auf Suche nach Samen abzugrasen. Seitdem der Falke seine Kreise über unseren Garten zieht, lässt sich keine Taube mehr blicken. Ich glaube, ich gewähre dem Vogel noch eine Weile Obdach.

Kommentare unserer Leser

Bitte beachten: Ab sofort können nur noch Abonnenten kommentieren. Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Donnerstag, 24. September 2015 von Hannes Mohr

Katastrophe im Mund

Wenn es um Zahnarztbesuche ging, war ich früher ein Angsthase. Eine unangenehme Erfahrung bei einem doctor medicinae dentariae in der Vergangenheit hat mich sogar dazu veranlasst, rund fünf Jahre nicht auf den Stuhl zu liegen. Irgendwann musste damit Schluss sein. Ich konnte mich ja nicht ewig meiner Angst ergeben. Zum Glück habe ich mich überwunden. Der Arzt, zu dem ich nun gehe, hatte mir damals die Furcht genommen. Die Behandlungen sind plötzlich harmlos. Die Atmosphäre in der Praxis ist angenehm. Während ich auf dem Behandlungsstuhl liege, spielt ein Bildschirm über mir eine Diashow mit verschiedenen Bilder ab. Verträumte Landschaften, lachende Menschen oder beeindruckende Gebäude fliegen an mir vorbei. Das bringt mich auf andere Gedanken und lässt mich sogar bei der unangenehmen Zahnreinigung, die einmal im Jahr fällig wird, etwas entspannen. Doch beim jüngsten Besuch musste ich stutzen: Nach der im Nebel liegenden Waldlichtung im Sonnenaufgang erschien auf dem Bildschirm plötzlich das gerade einstürzende World Trade Center in New York. Kein schöner Anblick. Vielleicht ist es eine unterschwellige Warnung an alle Patienten, die ihre Mundhygiene vernachlässigen – nach dem Motto: Eine ähnliche Katastrophe könnte deinem Gebiss widerfahren, wenn du dir nicht die Beißerchen putzt. Ich war nicht traurig, als nach fünf Sekunden das Bild wechselte. Eine Katastrophe in meinem Mund? Nein, die dürfte es zumindest selbstverschuldet nicht mehr geben.

Kommentare unserer Leser

Bitte beachten: Ab sofort können nur noch Abonnenten kommentieren. Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.