Dienstag, 6. Dezember 2016 von Hannes Mohr

St. Nikolaus in Cowboy-Stiefel

Heute Nacht musst du deine Schuhe hinaus stellen, dann füllt sie der Heilige Nikolaus“, erzählten mir meine Eltern, als ich noch ein Kind war. Es stimmte: Am nächsten morgen waren sie stets voll mit Lebkuchen, Mandarinen, Nüssen und mehr. Noch schöner war es, wenn am Abend des 6. Dezembers der Nikolaus wahrhaftig vor mir stand. Gemeinsam mit Knecht Ruprecht zog er in manchen Jahren durchs Dorf. Es dauerte nicht lange, bis ich dahinter kam, dass das nicht der echte Nikolaus sein kann. Umso sorgfältiger möchte ich bei meinem Kostüm sein, wenn ich dieses Jahr zum ersten Mal selbst den Heiligen Nikolaus für meine Nichte spielen darf. Auf die Details kommt es an, wie mich eine Geschichte meines Vaters lehrt, die er mir einst erzählt hatte. Als angehender Grundschullehrer sollte er in seinen jungen Jahren die Schüler als Nikolaus überraschen. Doch kaum hatte er den Klassenraum betreten, lachten die Schüler los. Denn so perfekt das Kostüm mit Mitra, Bart und Krummstab auch war, hatte er nicht an seine Schuhe gedacht. Unter dem roten Samtgewand blitzten seine polierten Cowboy-Stiefel raus, die in den 80er Jahren so beliebt waren. Die auffälligen Treter enttarnten ihn sofort. Ich hoffe, ich werde heute Abend umsichtiger sein.

Kommentare unserer Leser

Bitte beachten: Ab sofort können nur noch Abonnenten kommentieren. Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Dienstag, 15. November 2016 von Hannes Mohr

Gebrochenes Motorenherz

Im vergangenen Jahr wechselten über sieben Millionen gebrauchte Pkw den Besitzer. Der Handel mit Autos aus zweiter Hand ist mit über 77 Milliarden Euro Umsatz in 2015 ein attraktiver und umkämpfter Markt. Die Händler ringen mit allen Mitteln um die Ware. Eine Methode kennen sicherlich viele: das kleine Visitenkärtchen am Fahrerfenster oder Heckscheibenwischer. Meist verweist nur eine Mobilfunknummer auf den Händler – und alle versprechen den besten Preis für die Karosse. Ich dachte stets, man merkt, dass das eigene Auto alt wird, sobald die Händler anfangen, Kärtchen daran zu klemmen. Doch jetzt weiß ich, ein Auto ist alt, wenn man keine Kärtchen mehr bekommt. Ich war kürzlich fast etwas beleidigt, als die ganze Reihe im Parkhaus eines der Visitenkärtchen am Auto hängen hatte, und nur meines wurde ausgelassen. Dabei ist mein 13 Jahre alter Seat technisch noch in Schuss. Ja, okay, die Steinschläge im Lack haben sich in hässliche Rostflecken verwandelt. Aber dass ihn jetzt nicht mal mehr die fliegenden Gebrauchtwagenhändler haben wollen, brach dem kleinen Ibiza dann doch sein 75 PS starkes Motorenherz.

Kommentare unserer Leser

Bitte beachten: Ab sofort können nur noch Abonnenten kommentieren. Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Samstag, 22. Oktober 2016 von Hannes Mohr

Dummheit kann weh tun

Wespen sieht man jetzt im Herbst zwar weniger oft; dennoch bin ich jüngst bei der Gartenarbeit von einem dieser Plagegeister gestochen worden – direkt am Ringfinger. Meinen Ehering bekam ich zum Glück noch rechtzeitig abgestreift, bevor der Finger anschwoll. Ich erinnerte mich an ein altes Hausrezept: Hitze. Sie soll das Wespengift unschädlich und den Stich weniger schmerzhaft machen. Doch das muss schnell gehen, bevor sich die Wirkstoffe im Körper verteilen. Ich griff zu einem Tafelmesser, erhitzte es mit einem Feuerzeug und ... zisch. Autsch, das war eindeutig zu heiß. Im Eifer des Gefechts hatte ich die Temperatur nicht kontrolliert. Der Wespenstich war jetzt die kleinere Sorge. Eine pralle Brandblase hob sich über der Einstichstelle empor. Wie ich im Nachhinein erfuhr, gibt es in Apotheken spezielle Stifte, die auf Knopfdruck die maximal benötigte Temperatur erzeugen – nämlich 50 Grad Celsius. Das reicht wohl vollkommen aus, um das Eiweiß des Giftes zu zerstören. Vielleicht sollte ich mir so ein Gerät zulegen – zum Schutz vor meiner eigenen Dummheit.

Kommentare unserer Leser

Bitte beachten: Ab sofort können nur noch Abonnenten kommentieren. Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Mittwoch, 31. August 2016 von Hannes Mohr

„Hurra, hier kein WLAN“

Dank meines Smartphones bin ich mittlerweile fast immer online. Ein großer Vorteil im Alltag, wie ich finde: Fehlende Informationen können sekundenschnell von nahezu jedem Ort abgerufen werden. Doch es gibt Flecken auf der Erde, da lasse ich das Gerät immer häufiger ruhen: in den Bergen, zum Beispiel. So wenig wie möglich möchte ich mich von der imposanten Kulisse der Alpen ablenken lassen. Eine Einstellung, mit der ich wohl nicht ganz alleine bin. Bei meiner jüngsten Bergtour in den Südtiroler Dolomiten kam ich nach einem schweißtreibenden Anstieg bei der ersehnten Schutzhütte an. An der Tür prangte ein Schild, auf dem in großen Buchstaben stand: „Hurra, hier kein WLAN.“ Und im Gastraum stand mit Kreide auf einer Tafel geschrieben: „Du gehst nicht in die Berge, damit Dich andere sehen, sondern damit Du die Welt siehst.“ Ich kann mir vorstellen, weshalb der Wirt die Schilder angebracht hat: Auf der Terrasse saßen nicht wenige Alpen-Touristen, die mehr aufs Display starrten, als das aus leuchtendem Dolomit geformte Panorama der Rosengartengruppe zu genießen, das sich unmittelbar vor der Berghütte erhebt. Für mich bedeuten Berge Erholung, Ruhe und Abstand vom Alltag. Natürlich mache ich als Hobbyfotograf auch Bilder. Doch muss ich diese sofort vom Gipfel aus mit der ganzen Welt teilen? Dafür ist auch noch später Zeit. Der Moment im Hier und Jetzt gehört nur mir.

Kommentare unserer Leser

Bitte beachten: Ab sofort können nur noch Abonnenten kommentieren. Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Donnerstag, 21. April 2016 von Hannes Mohr

Kauf doch noch den Stabmixer!

Der ein oder andere kennt das sicherlich: Da möchte man im Supermarkt nur ein paar Spaghetti kaufen und neben dem Regal mit den Nudeln steht ein großer Aufsteller voller Fertigsoßen, Pesto und mehr. Und ist die Pasta erst mal im Einkaufswagen, befindet sich die Hand bereits auf halbem Weg zum Soßenglas. Über solche Zusatzverkäufe will der Markt seinen Umsatz steigern. Denn der Kunde greift bei richtiger Platzierung zu Produkten, die er im Vorfeld nicht auf der Einkaufsliste stehen hatte. Das macht ebenso der Schuhhändler mit seinem Lederpflegemittel, wie auch der Herrenausstatter mit der passenden Krawatte zum Anzug. Ja, auch ich bin schon auf diesen Trick reingefallen. Und auch Onlineshops haben das alte Marketingprinzip längst für sich entdeckt – nur viel raffinierter adaptiert. Dort schauen sich die Händler an, was der Kunde über die Internetseite gekauft oder angesehen hat und bieten thematisch nach den Interessen des Käufers andere Produkte an. Kauft man zum Beispiel eine Kamera in einem Onlineshop, blinkt auf dem Bildschirm der Hinweis: „Kunden kauften auch diese Speicherkarte dazu.“ Kurios wurde es aber kürzlich, als ich bei einem großen Onlinekaufhaus neue Arbeitsspeicher-Komponenten für meinen Laptop bestellte. Der Shop war davon überzeugt, wenn ich elektronische Bauteile für einen Computer kaufe, dann muss ich unbedingt auch eine Angelausrüstung, ein Schnell-Reparatur-Set für Fahrzeugkarosserien, Kabelschuhe, hautfarbenes Make-Up, eine silberne Damenhalskette und einen Stabmixer haben. Oh ja, danke, wie konnte ich all die Jahre nur ohne diese Dinge auskommen. Da hat der schlaue Algorithmus, der mich eigentlich in Kaufrausch versetzen sollte, wohl versagt.

Kommentare unserer Leser

Bitte beachten: Ab sofort können nur noch Abonnenten kommentieren. Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.