Mittwoch, 1. Juni 2016 von Klaus Irion

Die Gefahr des Wortes „lieber“

Julia Klöckner ist wieder da. Die bereits zweimal gescheiterte Ministerpräsidentenkandidatin aus Rheinland-Pfalz meldet sich aus dem politischen Tiefschlaf zurück, den ihr so manche Kommentatoren nach ihrer jüngsten Wahlschlappe nachgesagt haben. Und wo könnte sie das besser und vor allem schneller vollbringen als bei Twitter. In aller Kürze hat auch sie dort kundgetan, was sie von dem AfD-Gauland-Gewäsch bezüglich Jerôme Boateng hält. Nämlich zurecht nichts. Und dennoch sollte man auch in medial hoch erhitzten Zeiten kühlen Kopf bewahren. So aber durften wir erfahren, dass Frau Klöckner „Lieber Boateng als Gauland als Nachbarn“ hätte. Der Gebrauch des Wörtchens „lieber“ ist in diesem Zusammenhang aber nicht ungefährlich. Ich verstehe zwar, was Klöckner sagen möchte. Nimmt man ihren Schnellschuss aber etwas auseinander, könnte interpretatorisch durchaus auch Folgendes übrigbleiben. Wenn schon einer der beiden unbedingt ihr Nachbar sein müsste, dann doch „lieber“ Boateng. Quasi als das kleinere Übel. Hätte sie stattdessen geschrieben, „Boateng hätte ich gern als Nachbarn, Gauland nicht!“ – so will sie ihren Tweet sicherlich auch verstanden wissen –, wäre alles Missverständliche ausgeschlossen gewesen. So viel Nachdenkzeit sollte beim Twittern möglich sein. Auch wenn es um eilige Solidaritätsbekundungen geht.

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Donnerstag, 19. Mai 2016 von Klaus Irion

Ich mag 37 Grad

In Zeiten von unwürdigen, menschenverachtenden Privatfernsehformaten wie „Schwiegertochter gesucht“ – jüngst von Jan Böhmermann (#verafake) wunderbar entlarvt – tut es gut, dass es Sendungen gibt, die sich noch Zeit nehmen. Zeit, Menschen in angemessener Form zu porträtieren. Mein Favorit ist dabei die ZDF-Reihe „37 Grad“. Erst vergangenen Dienstag gab es wieder solch eine Reportage-Sternstunde. Eine Geschichte, die mich nach wie vor nicht loslässt. Es ist die des Stargeigers Stefan Arzberger aus Leipzig, der im vergangenen Jahr vor einem Konzert in New York – womöglich vorsätzlich unter Drogen gesetzt – ausgeraubt wurde. Er selbst kann sich an die Vorkommnisse nicht erinnern. Auch daran nicht, dass er anschließend nackt in seinem Hotel randaliert und eine ihm unbekannte Frau massiv gewürgt haben soll. Es folgten Festnahme, U-Haft und Ermittlungen wegen versuchten Mordes. Bis zum heutigen Tag steckt Arzberger – auf Kaution freigelassen – quasi mittellos im Big Apple fest und wartet auf das Ende der Ermittlungen. Ein Mensch, abrupt herausgerissen aus seinem Musikerleben. Ein Mensch, der Tag für Tag durch New Yorks Straßenschluchten wandert und bei befreundeten Musikern und Gönnern eine Schlafmöglichkeit bekommt. Ein einfühlsamer Film, der auch die Suizidgedanken des Verzweifelten in keiner Weise als Effekthascherei einsetzt. Eine schlicht sehenswerte Dokumentation eines zutiefst verstörenden Kriminalfalls. 3 Sat zeigt den Film noch einmal am Dienstag, 24. Mai, um 0.25 Uhr. Er ist aber auch in der ZDF-Mediathek abrufbar.

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Samstag, 14. Mai 2016 von Klaus Irion

Boris Palmer weiß, wie's geht

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Zollernälbler zu Ministerehren kommt. Mit der neuen baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut aus Balingen ist dieses seltene Ereignis wieder einmal Realität geworden. Für den ZAK Anlass genug, vergangenen Donnerstag zwei Berichterstatter zur Vereidigung in den Stuttgarter Landtag zu entsenden. Und was sie als Erstes sahen, ließ sie nicht schlecht staunen. Die Ministerin ins Gespräch vertieft mit dem Oberbürgermeister. Nein, nicht mit Helmut Reitemann aus Balingen, auch nicht mit dem Albstädter Klaus Konzelmann. Boris Palmer war's, das umtriebige Stadtoberhaupt von Tübingen. Immerhin, Landrat Günther-Martin Pauli, der bis vor wenigen Tagen noch selbst diesem Parlament angehört hatte, hielt die Fahnen der Zollernalb hoch und nutzte sofort die Gelegenheit zum politischen Smalltalk. Auch Joachim Walter, der Tübinger Landrat und Präsident des baden-württembergischen Landkreistages, der bis zum heutigen Tag mit seiner Familie in Balingen lebt, war vor Ort. Ansonsten aber glänzten die kommunalpolitisch Verantwortlichen des Wahlkreises Balingen, allen voran die (Ober-)Bürgermeister mit Abwesenheit. Auch die heimischen CDU-Granden ließen sich – abgesehen von Landrat Pauli – nicht blicken. Eine Chance vertan, die Zollernalb auf großer Landesbühne ins Rampenlicht zu stellen. Boris Palmer hat's für Tübingen vorgemacht.

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Freitag, 29. April 2016 von Klaus Irion

Zurück zur Reißfestigkeit

Ich bekenne, mein Umgang mit Kunststoffverpackungen entspricht häufig nicht der ökologisch gebotenen Zurückhaltung. Zu viele Produkte in zu vielen – häufig sinnlosen – Verpackungen. Mehr Verzicht, weniger Bequemlichkeit beim Einkauf wäre angesagt. Zumal ich doch ganz genau weiß, dass auch der Inhalt der gelben Säcke zu einem großen Teil dort landet, wo auch der Restmüll endet. Apropos gelbe Säcke: Sollte es noch ein weiteres Argument geben, auf Verpackungen so gut wie es eben geht zu verzichten, dann sind sie es. Es gab einmal eine Zeit, da konnte man ziehen und zerren, die Säcke hielten dicht. Klar, scharfkantigen Konservendeckeln waren auch die gelben Säcke der ersten Generation nicht gewachsen. Heute aber genügt schon der eigentlich stumpfe Rand eines Joghurtbechers, um dem gelben Mantel den Garaus zu machen. Die Lösung: Einfach einen zweiten gelben Sack drüberstülpen. Aber das kann es ja nicht wirklich sein. Mein Appell an die gelbe Säcke produzierende Industrie: Zurück zu den Wurzeln, zurück zur reißfestem Material. Ich werde mich derweil an die eigene Nase fassen und mich beim Einkauf künftig auch mehr um das Zuviel am Drumherum kümmern.

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Freitag, 15. April 2016 von Klaus Irion

Wahlkreis ohne Abgeordneten?

Der Bundestagswahlkreis Balingen-Sigmaringen ist von je her eine CDU-Hochburg. Bei der Wahl im Jahr 2013 kam Thomas Bareiß auf satte 60 Prozent und holte sich damit unangefochten das Direktmandat. Auch wenn ihn die offizielle Bundestags-Homepage fälschlicherweise als Kandidat führt, der über die CDU-Landesliste in den Bundestag gekommen sein soll. Die hohe Zustimmung für die Christdemokraten auf der Zollernalb führt auch regelmäßig dazu, dass die hiesigen Kandidaten der übrigen Parteien häufig aussichtslose Plätze auf deren Landeslisten einnehmen. Und ihnen der Einzug ins Parlament damit quasi von vorne herein verbaut ist. Folgerichtig ist Bareiß derzeit der einzige Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis 295. Anders sieht es für die Zollernäbler in den Hohenzollerischen Landen aus. Sie gehören – mit Ausnahme von Haigerloch – zum Wahlkreis Tübingen. Und da jener Wahlkreis politisch wesentlich bunter daherkommt, sitzen im Moment vier „Tübinger“ Abgeordnete in Berlin. Nun könnte sich dieses politische Ungleichgewicht eventuell noch verstärken. Denn sollte Thomas Bareiß tatsächlich in die künftige Landesregierung wechseln, wie seit Tagen spekuliert wird, würde ein anderer CDU-Politiker nachrücken. Aber nicht wie bei baden-württembergischen Landtagswahlen ein Zweitkandidat aus dem Zollernalbkreis, sondern derjenige, der auf der CDU-Landesliste unter den nicht gewählten Kandidaten am weitesten oben steht. Das hieße, dass der Wahlkreis Balingen-Sigmaringen bis zum Ende der Wahlperiode im Herbst 2017 ohne eigenen Abgeordneten dastünde.

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