Freitag, 22. Juli 2016 von Klaus Irion

Sirenengeheul am Automat

Das Geräusch hat etwas von amerikanischen Polizeisirenen – nur viel leiser. Das Geräusch, wenn beim Lebensmittler meines Vertrauens wieder einmal einer der drei Flaschenrückgabeautomaten vorübergehend seinen Geist aufgibt und nicht gleich ein Mitarbeiter zur Stelle ist, der den Apparat wieder in Schwung bringt. Besonders lustig – für die dort Arbeitenden sicherlich besonders nervig – wird es, wenn gleich zwei oder alle drei Maschinen einen Fehler zu signalisieren haben. Und deren haben die Programmierer der Maschinen viele vorgesehen. Ich rede jetzt nicht von den nachvollziehbaren Verfehlungen, wenn ich den Flaschenboden nicht zuerst in den Maschinenschlund schiebe oder die Maschine rücksichtslos mit mehreren Flaschen ganz kurz hintereinander traktiere. Nein, ich rede von den unergründlichen „Fehlern“, wenn ich eine Getränkekiste mit genau den leeren Getränkeflaschen einschiebe, die in eben diese Kiste gehören und der vermaledeite Apparat mich zum Dank per Displayanzeige anweist, ganz bestimmte Flaschen aus der Kiste zu entfernen. Gefordert, getan. Ich will die Maschine nicht unnötig verärgern. Nach der dritten Kistenannahmeverweigerung und erneuten Aufforderung weitere Flaschen aus der Kiste zu nehmen, ahne ich, dass nun gleich ein lustiger Mensch um die Ecke kommt und mir ein Verstehen-Sie-Spaß-Schild vor die Nase hält. Aber nichts dergleichen geschieht. Mit gerade einmal noch vier Flaschen bestückt akzeptiert die Maschine letztendlich meine Kiste. Derweil schreit die Maschine zwei Flaschenschlünde weiter immer noch amerikanisch um Hilfe.

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Mittwoch, 20. Juli 2016 von Klaus Irion

Donald Trumps Schreihälse

Wir leben in modernen Zeiten. Unser Alltag ist durchtechnologisiert. Da tun archaische Momente von Zeit zu Zeit doch ganz gut. Situationen, in denen einem das Handy nicht helfen kann, und sei es nur eines Funklochs wegen. Ein Hoch der Rückbesinnung auf die eigenen Fähigkeiten. Ein lauter Schrei anstelle eines Anrufs kann manchmal auch Wunder bewirken. Dabei muss der Schrei nicht immer mit großem Schrecken verbunden sein, wie uns Edvard Munchs gleichnamiges weltberühmtes Gemälde weis machen will. Schreie gibt es beim Sport oder auch als seelenbefreiendes Happening in der freien Natur. Nicht zu vergessen die derzeitige Präsidentschaftskandidatennominierungsveranstaltung der amerikanischen Republikaner in Cleveland/Ohio. Dass der grässliche Phrasendrescher Donald Trump auf der Zielgeraden nicht doch noch von den eigenen Parteimitgliedern ausgebremst wurde, hat er – kein Scherz – der Schreigewalt seiner Anhänger zu verdanken. Seine republikanischen Gegner überrumpelten die Nominierungsregisseure und erzwangen eine Abstimmung darüber, entgegen ihrem Auftrag aus dem jeweiligen Heimatbundesstaat doch gegen Trump stimmen zu dürfen. Wer nun glaubte, in unserem durchtechnologisierten Alltag würden das die Delegierten per Knopfdruck tun, der irrt. Nein, die Trumpfreunde entschieden das Votum für sich, weil sie „auf Knopfdruck“ lauter geschrien haben als Trumps Gegner. Ich wünsche mir solche Schreiabstimmungen auch im Bundestag und stelle mir gerade vor, wie die nach außen stets so souverän-besonnene Angela Merkel ihren Mund einmal ganz weit aufreißt.

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Mittwoch, 13. Juli 2016 von Klaus Irion

Virtuell vorm Gemeindehaus

Ich wohne nur einen Steinwurf vom Tobias-Beck-Haus, einem evangelischen Gemeindehaus, entfernt. Bislang sah man dort sonntags die Gläubigen und bei Wahlen die Wähler ein- und ausgehen. Dazwischen gibt's immer wieder einmal Familienfeiern, Treffs diverser sozialer Gruppen oder auch eine Sitzung der Bezirkssynode. So weit, so alltäglich. In den kommenden Tagen könnte sich eine weitere Gruppe dazugesellen. Eine, die in der Nachbarschaft für Verwirrung sorgen dürfte. Eine, die ihre Handys zückt und Wurfbewegungen vollführt. Das Gemeindehaus betreten werden sie nicht, ihr Tun wird sich auf den Außenbereich beschränken. Denn das evangelische Gemeindehaus wurde offensichtlich als Pokéstop auserkoren. Was das ist? Eine Art Haltepunkt, bei der die räumliche Wirklichkeit des Gemeindehausvorplatzes mit der Spielfläche einer Smartphone-App verschmilzt. Pokémon Go heißt das Spiel, bei dem die seit vielen Jahren bekannten Pokémonfiguren mittels der bereits erwähnten Wurfbewegung virtuell eingefangen werden müssen. Und dies ist eben nur an Pokéstops wie dem real existierenden Tobias-Beck-Haus möglich. Übrigens: Die jeweiligen Pokéstops basieren offensichtlich weltweit auf Ortsangaben, die Spieler eines Pokémon-Go-Vorgängers eingespeist haben, um die virtuelle Spielewelt einzuteilen und zu gestalten. Ob die Kirchengemeinde wohl schon von ihren neuen Besuchern weiß?

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Mittwoch, 22. Juni 2016 von Klaus Irion

Nicht von dieser Welt

„Mit 66 Jahren da fängt das Leben an, mit 66 Jahren da hat man Spaß daran“, sang einst Udo Jürgens. Ich weiß jetzt nicht, ob Bruce Springsteen jemals etwas von dem wandlungsfähigen Barden aus Österreich mitbekommen hat. Musikalisch kritische Töne hatte Jürgens zeitlebens ebenso angeschlagen wie Springsteen es noch immer tut. Letzterer ist jetzt exakt in jenem Alter angekommen, in dem laut Jürgens das Leben anfängt. Wie Recht er damit hatte, durfte ich vor wenigen Tagen selbst erleben. Da steht der amerikanische Rockstar best looking auf der riesigen Bühne im Münchner Olympiastadion, singt und bearbeitet seine Gitarre wie auch seine Mundharmonika über drei Stunden lang nonstop in einer Intensität, die seinesgleichen sucht. Seine im Durchschnitt wohl gleichaltrige E-Street-Band tut es ihm gleich. Für mich ging mit dem Konzert des „Boss“ ein Jugendtraum in Erfüllung. Und es war tatsächlich so, wie ich es mir seit den 1980er-Jahren erhofft hatte. Einem Kollegen des Münchner Merkur schien ähnliches widerfahren zu sein. Er beendete seine überschwängliche Konzertkritik mit dem Satz: „Der Mann ist nicht von dieser Welt.“ Wie Recht er hat. Die Fortsetzung des Udo-Jürgens-Refrains lautet übrigens: „Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss, mit 66 ist noch lang noch nicht Schluss.“ Hoffentlich!

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Mittwoch, 8. Juni 2016 von Klaus Irion

Gedämpfte Vorfreude

„Genervte Franzosen – Terror, Überschwemmung, Streiks, Rassismusdebatte statt Vorfreude auf die EM“, titelten unsere Ulmer Südwestpresse-Kollegen in der gestrigen Ausgabe. Zieht man mal die Streiks ab, die in Deutschland ohnehin immer in geordneten Bahnen ablaufen, sind die Probleme diesseits des Rheins derzeit die selben. Ein vereitelter Anschlag auf Menschen in Düsseldorf, Überschwemmungen in beinahe apokalyptischen Ausmaßen, die unsäglichen AfD-Kommentare zur Herkunft unserer Nationalspieler: Man bemerkt dieser Tage zwar auch hier, dass die EM für Frankreich kommenden Freitag und für Jogis Jungs kommenden Sonntag beginnt. Von Vorfreude aber ist meiner Wahrnehmung nach wesentlich weniger zu spüren als bei den vorausgegangenen großen Turnieren. Vielleicht liegt es auch ein Stück weit daran, dass 2014 mit dem WM-Titel vollendet wurde, was beim Sommermärchen 2006 begann. Und nun die Luft etwas raus ist. Untrügliches Zeichen hierfür: Schwarz-rot-goldene Rückspiegelüberzieher und Autofensterfähnchen sind im öffentlichen Raum noch kaum zu erblicken. Immerhin, ein Kollege und Italienliebhaber hat angekündigt, dass es für ihn nun langsam wieder Zeit werde, die rot-weiß-grüne Trikolore hinauszuhängen. Sehr zur „Freude“ seiner Nachbarn.

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