Mittwoch, 13. Juli 2016 von Klaus Irion

Virtuell vorm Gemeindehaus

Ich wohne nur einen Steinwurf vom Tobias-Beck-Haus, einem evangelischen Gemeindehaus, entfernt. Bislang sah man dort sonntags die Gläubigen und bei Wahlen die Wähler ein- und ausgehen. Dazwischen gibt's immer wieder einmal Familienfeiern, Treffs diverser sozialer Gruppen oder auch eine Sitzung der Bezirkssynode. So weit, so alltäglich. In den kommenden Tagen könnte sich eine weitere Gruppe dazugesellen. Eine, die in der Nachbarschaft für Verwirrung sorgen dürfte. Eine, die ihre Handys zückt und Wurfbewegungen vollführt. Das Gemeindehaus betreten werden sie nicht, ihr Tun wird sich auf den Außenbereich beschränken. Denn das evangelische Gemeindehaus wurde offensichtlich als Pokéstop auserkoren. Was das ist? Eine Art Haltepunkt, bei der die räumliche Wirklichkeit des Gemeindehausvorplatzes mit der Spielfläche einer Smartphone-App verschmilzt. Pokémon Go heißt das Spiel, bei dem die seit vielen Jahren bekannten Pokémonfiguren mittels der bereits erwähnten Wurfbewegung virtuell eingefangen werden müssen. Und dies ist eben nur an Pokéstops wie dem real existierenden Tobias-Beck-Haus möglich. Übrigens: Die jeweiligen Pokéstops basieren offensichtlich weltweit auf Ortsangaben, die Spieler eines Pokémon-Go-Vorgängers eingespeist haben, um die virtuelle Spielewelt einzuteilen und zu gestalten. Ob die Kirchengemeinde wohl schon von ihren neuen Besuchern weiß?

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Mittwoch, 22. Juni 2016 von Klaus Irion

Nicht von dieser Welt

„Mit 66 Jahren da fängt das Leben an, mit 66 Jahren da hat man Spaß daran“, sang einst Udo Jürgens. Ich weiß jetzt nicht, ob Bruce Springsteen jemals etwas von dem wandlungsfähigen Barden aus Österreich mitbekommen hat. Musikalisch kritische Töne hatte Jürgens zeitlebens ebenso angeschlagen wie Springsteen es noch immer tut. Letzterer ist jetzt exakt in jenem Alter angekommen, in dem laut Jürgens das Leben anfängt. Wie Recht er damit hatte, durfte ich vor wenigen Tagen selbst erleben. Da steht der amerikanische Rockstar best looking auf der riesigen Bühne im Münchner Olympiastadion, singt und bearbeitet seine Gitarre wie auch seine Mundharmonika über drei Stunden lang nonstop in einer Intensität, die seinesgleichen sucht. Seine im Durchschnitt wohl gleichaltrige E-Street-Band tut es ihm gleich. Für mich ging mit dem Konzert des „Boss“ ein Jugendtraum in Erfüllung. Und es war tatsächlich so, wie ich es mir seit den 1980er-Jahren erhofft hatte. Einem Kollegen des Münchner Merkur schien ähnliches widerfahren zu sein. Er beendete seine überschwängliche Konzertkritik mit dem Satz: „Der Mann ist nicht von dieser Welt.“ Wie Recht er hat. Die Fortsetzung des Udo-Jürgens-Refrains lautet übrigens: „Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss, mit 66 ist noch lang noch nicht Schluss.“ Hoffentlich!

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Mittwoch, 8. Juni 2016 von Klaus Irion

Gedämpfte Vorfreude

„Genervte Franzosen – Terror, Überschwemmung, Streiks, Rassismusdebatte statt Vorfreude auf die EM“, titelten unsere Ulmer Südwestpresse-Kollegen in der gestrigen Ausgabe. Zieht man mal die Streiks ab, die in Deutschland ohnehin immer in geordneten Bahnen ablaufen, sind die Probleme diesseits des Rheins derzeit die selben. Ein vereitelter Anschlag auf Menschen in Düsseldorf, Überschwemmungen in beinahe apokalyptischen Ausmaßen, die unsäglichen AfD-Kommentare zur Herkunft unserer Nationalspieler: Man bemerkt dieser Tage zwar auch hier, dass die EM für Frankreich kommenden Freitag und für Jogis Jungs kommenden Sonntag beginnt. Von Vorfreude aber ist meiner Wahrnehmung nach wesentlich weniger zu spüren als bei den vorausgegangenen großen Turnieren. Vielleicht liegt es auch ein Stück weit daran, dass 2014 mit dem WM-Titel vollendet wurde, was beim Sommermärchen 2006 begann. Und nun die Luft etwas raus ist. Untrügliches Zeichen hierfür: Schwarz-rot-goldene Rückspiegelüberzieher und Autofensterfähnchen sind im öffentlichen Raum noch kaum zu erblicken. Immerhin, ein Kollege und Italienliebhaber hat angekündigt, dass es für ihn nun langsam wieder Zeit werde, die rot-weiß-grüne Trikolore hinauszuhängen. Sehr zur „Freude“ seiner Nachbarn.

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Mittwoch, 1. Juni 2016 von Klaus Irion

Die Gefahr des Wortes „lieber“

Julia Klöckner ist wieder da. Die bereits zweimal gescheiterte Ministerpräsidentenkandidatin aus Rheinland-Pfalz meldet sich aus dem politischen Tiefschlaf zurück, den ihr so manche Kommentatoren nach ihrer jüngsten Wahlschlappe nachgesagt haben. Und wo könnte sie das besser und vor allem schneller vollbringen als bei Twitter. In aller Kürze hat auch sie dort kundgetan, was sie von dem AfD-Gauland-Gewäsch bezüglich Jerôme Boateng hält. Nämlich zurecht nichts. Und dennoch sollte man auch in medial hoch erhitzten Zeiten kühlen Kopf bewahren. So aber durften wir erfahren, dass Frau Klöckner „Lieber Boateng als Gauland als Nachbarn“ hätte. Der Gebrauch des Wörtchens „lieber“ ist in diesem Zusammenhang aber nicht ungefährlich. Ich verstehe zwar, was Klöckner sagen möchte. Nimmt man ihren Schnellschuss aber etwas auseinander, könnte interpretatorisch durchaus auch Folgendes übrigbleiben. Wenn schon einer der beiden unbedingt ihr Nachbar sein müsste, dann doch „lieber“ Boateng. Quasi als das kleinere Übel. Hätte sie stattdessen geschrieben, „Boateng hätte ich gern als Nachbarn, Gauland nicht!“ – so will sie ihren Tweet sicherlich auch verstanden wissen –, wäre alles Missverständliche ausgeschlossen gewesen. So viel Nachdenkzeit sollte beim Twittern möglich sein. Auch wenn es um eilige Solidaritätsbekundungen geht.

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Donnerstag, 19. Mai 2016 von Klaus Irion

Ich mag 37 Grad

In Zeiten von unwürdigen, menschenverachtenden Privatfernsehformaten wie „Schwiegertochter gesucht“ – jüngst von Jan Böhmermann (#verafake) wunderbar entlarvt – tut es gut, dass es Sendungen gibt, die sich noch Zeit nehmen. Zeit, Menschen in angemessener Form zu porträtieren. Mein Favorit ist dabei die ZDF-Reihe „37 Grad“. Erst vergangenen Dienstag gab es wieder solch eine Reportage-Sternstunde. Eine Geschichte, die mich nach wie vor nicht loslässt. Es ist die des Stargeigers Stefan Arzberger aus Leipzig, der im vergangenen Jahr vor einem Konzert in New York – womöglich vorsätzlich unter Drogen gesetzt – ausgeraubt wurde. Er selbst kann sich an die Vorkommnisse nicht erinnern. Auch daran nicht, dass er anschließend nackt in seinem Hotel randaliert und eine ihm unbekannte Frau massiv gewürgt haben soll. Es folgten Festnahme, U-Haft und Ermittlungen wegen versuchten Mordes. Bis zum heutigen Tag steckt Arzberger – auf Kaution freigelassen – quasi mittellos im Big Apple fest und wartet auf das Ende der Ermittlungen. Ein Mensch, abrupt herausgerissen aus seinem Musikerleben. Ein Mensch, der Tag für Tag durch New Yorks Straßenschluchten wandert und bei befreundeten Musikern und Gönnern eine Schlafmöglichkeit bekommt. Ein einfühlsamer Film, der auch die Suizidgedanken des Verzweifelten in keiner Weise als Effekthascherei einsetzt. Eine schlicht sehenswerte Dokumentation eines zutiefst verstörenden Kriminalfalls. 3 Sat zeigt den Film noch einmal am Dienstag, 24. Mai, um 0.25 Uhr. Er ist aber auch in der ZDF-Mediathek abrufbar.

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