Samstag, 17. Dezember 2016 von Klaus Irion

Verdacht des Verschweigens

Postfaktisch wurde jüngst zum Wort des Jahres gewählt. Das NDR-Satiremagazin „extra 3“ hat sich dieser Tage herrlich damit auseinandergesetzt. Es ging dabei viel um „gefühlsmäßige“ Annahmen und Empfindungen und eben nicht mehr um belegbare Tatsachen. Und jetzt ertappe ich mich doch dabei, dass ich selbst schon postfaktisch denke. Es ist nur so ein Gefühl, aber das sagt mir: Die gesellschaftliche Stimmung auch im beschaulichen Zollernalbkreis wird immer frostiger. Was mich zu dieser Einschätzung bringt. Vorsicht, jetzt kommen doch wieder Fakten: Ich habe in meiner langjährigen Tätigkeit als Zeitungsredakteur noch nie so gehäuft aus unterschiedlichen Mündern von mir eigentlich als ganz besonnen bekannten Menschen den Satz gehört: „Ihr wolltet das bestimmt wieder verschweigen.“ Ja, natürlich. Für nichts anderes sind wir da. Verschweigen statt berichten. Was heute leider häufig zählt – jetzt wird es wieder gefühlsmäßig – ist ausschließlich Schnelligkeit, Kürze, Unverfrorenheit. Ohne Rücksicht auf die Betroffenen. Ohne die vorliegenden Fakten zu überprüfen, ohne korrekt zu recherchieren, ohne allen Beteiligten zumindest die Möglichkeit zu geben, etwas dazu zu sagen. Ja, wir leben in postfaktischen Zeiten. Das heißt aber für mich nicht, dass ich dafür bereit wäre, bewährte journalistische Grundsätze über Bord zu werfen.

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Freitag, 16. Dezember 2016 von Klaus Irion

Redaktionsblog: Verdacht des Verschweigens

Es ging dabei viel um „gefühlsmäßige“ Annahmen und Empfindungen und eben nicht mehr um belegbare Tatsachen. Und jetzt ertappe ich mich doch dabei, dass ich selbst schon postfaktisch denke. Es ist nur so ein Gefühl, aber das sagt mir: Die gesellschaftliche Stimmung auch im beschaulichen Zollernalbkreis wird immer frostiger. Was mich zu dieser Einschätzung bringt?

Vorsicht, jetzt kommen doch wieder Fakten: Ich habe in meiner langjährigen Tätigkeit als Zeitungsredakteur noch nie so gehäuft aus unterschiedlichen Mündern von mir eigentlich als ganz besonnen bekannten Menschen den Satz gehört: „Ihr wolltet das bestimmt wieder verschweigen.“ Ja, natürlich. Für nichts anderes sind wir da. Verschweigen statt berichten. Was heute leider häufig zählt – jetzt wird es wieder gefühlsmäßig – ist ausschließlich Schnelligkeit, Kürze, Unverfrorenheit.

Ohne Rücksicht auf die Betroffenen. Ohne die vorliegenden Fakten zu überprüfen, ohne korrekt zu recherchieren, ohne allen Beteiligten zumindest die Möglichkeit zu geben, etwas dazu zu sagen. Ja, wir leben in postfaktischen Zeiten. Das heißt aber für mich nicht, dass ich dafür bereit wäre, bewährte journalistische Grundsätze über Bord zu werfen. 

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Mittwoch, 14. Dezember 2016 von Klaus Irion

Sie ist doch hier zuhause

Duldung. Was für ein schreckliches Wort. Nicht gewollt, aber doch irgendwie noch akzeptiert. Zumindest vorübergehend. Bis aus der nach vielen Jahren des Hoffens, des Bangens, des sich Integrierens, also des sich so Verhaltens, wie es heute in Deutschland lautstark gefordert wird, eine Abschiebung wird. „Papa, warum musste ein Mädchen aus meiner Parallelklasse nach Albanien ausreisen? Sie ist doch hier zuhause, ihr Vater hat hier sein Geld für die Familie verdient. Die Familie ist doch erst vor einiger Zeit in ein eigenes Haus umgezogen.“ Ein paar Sätze nur, morgens am Frühstückstisch. Ein paar Sätze zu einem grauenvollen alltäglichen Amtsvorgang, der das Weltbild meiner zehnjährigen Tochter zum Wanken gebracht hat. Ich versuche ihr zu erklären, was eine Duldung ist. Versuche ihr zu erklären, dass Familien, wie die des Mädchens aus ihrer Parallelklasse über Jahre hinweg Tag und Nacht damit rechnen müssen, in das Heimatland der Eltern, oftmals aber eben nicht mehr in das der Kinder, abgeschoben zu werden. Es bleibt an diesem Morgen beim Erklärungsversuch. Mir fehlen schlicht selbst die Worte. Unser kurzer Dialog endet mit dem Satz meiner Tochter. „Die Familie musste zum Bahnhof und ist dann mit dem Bus nach Albanien gefahren.“ Albanien, eigentlich so nah, aber für das junge Mädchen unendlich weit weg von ihrem Zuhause, ihrer Schule, ihren Freunden, ihrer deutschen Heimat.

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Donnerstag, 10. November 2016 von Klaus Irion

Ein Zweibeiner namens Trump

Gestern morgen hätte ich mir gewünscht, ich könnte für einige Stunden mit unserem Hund die Rollen tauschen. Dreimal hatte ich im Laufe der Nacht den Fernseher eingeschaltet und das Unvermeidliche aus den USA missmutig zur Kenntnis genommen. Beim dritten Mal hat sich unser Vierbeiner dazugesellt und dann augenblicklich wieder selig weitergeschlafen. Wer ist schon dieser Zweibeiner, der derzeit so viele seiner Artgenossen auf die Palme bringt, wird er sich wohl gedacht haben? Ich werde jetzt mitnichten ins große Trump-Bashing einstimmen. Das wäre schon viel zu viel der Ehre für den kommenden Präsidenten der Vereinigten Staaten. Diese Suppe haben sich die Trump-Wähler und alle Nichtwähler selbst eingebrockt. Sollen sie sie also bitteschön auch selbst auslöffeln. Der Gedanke, der mich gestern beim Gassigehen mit besagtem vierbeinigen Familienmitglied aber nicht mehr losgelassen hat, ist die Aussicht auf europäische Trumps. Ach wie haben sich die Rechtspopulisten aller Länder über den Wahlausgang gefreut. Mit Schaudern erwarte ich nun den Ausgang der österreichischen und der französischen Präsidentenwahl. Meinem Hund wird auch dies wieder egal sein. Ob er vielleicht nicht doch einmal mit mir tauschen will? Nur für eine einzige Wahlnacht?

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Freitag, 28. Oktober 2016 von Klaus Irion

Trump will mich wählen sehen

Am ersten Dienstag nach dem ersten Montag im November sind die Amerikaner zur Präsidentenwahl aufgerufen. So wurde es im 19. Jahrhundert im amerikanischen Kongress festgelegt. November, weil hier die Ernte bereits eingefahren war. Dienstag, weil man hier trotz damals noch teils langer Anreise zu den Wahlurnen am ehesten religiösen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten anderer Wochentage aus dem Weg gehen konnte. Mit einer Ausnahme: Der 1. November durfte es nicht sein, weil an jenem Tag häufig Gericht gehalten wurde und darüber hinaus Allerheiligen gefeiert wird. Der Wahltag wäre dieses Mal tatsächlich der 1. November. Deswegen greift nun die Regel am ersten Dienstag... – na Sie wissen schon. Gewählt wird also am 8. November. Und ich bin als Wähler dabei. Zumindest wenn ich den E-Mails Glauben schenken darf, die mich seit Wochen erreichen. Es sind Trump-Unterstützungs-E-Mails. Komisch nur, dass ich darin ständig als „James“ angeredet werde. Ich habe gegoogelt. Es gibt in den USA tatsächlich einen James Irion. Eine schlichte Verwechslung? Oder ein aus der schieren Verzweiflung heraus geborenes Angebot des Trump-Teams, mich in letzter Sekunde noch einzubürgern? Ich würde es liebend gern annehmen. Und mit meiner Stimme den unsäglichen Donald Trump verhindern helfen.

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