Dienstag, 28. Februar 2017 von Klaus Irion

Ein weißes Geschoss

Wrummmm, Sekundenbruchteile nur, dann ist das weiße Geschoss auf vier Rädern wieder einmal an unserem Haus vorbeigebrettert. Ein kleines Sträßchen, Anlieger-frei-Zone. Unübersichtliche Rechts-vor-links-Situation. Ein gern genommener Schulweg ohne Gehwege. Das alles schert den Fahrer nicht. Wofür hat man schließlich die vielen PS unter der Motorhaube? Letzteres dachten vermutlich auch die beiden Raser, die sich in Berlin im vergangenen Jahr ein illegales Autorennen lieferten und dabei einen unbeteiligten 69-jährigen Autofahrer in den Tod rissen. Mal abgesehen von den zivilrechtlichen Erschütterungen konnten rasende Todesfahrer bislang mit relativ milden Strafurteilen rechnen. Gestern nun die Wende in Berlin: Lebenslänglich wegen Mordes hinterm Steuer. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Doch selbst wenn die Verurteilten in nächster Instanz womöglich einen kürzeren Gefängnisaufenthalt erreichen sollten. Die Berliner Richter haben ein Signal gegeben, das hoffentlich bis in meine Nachbarschaft nachhallt, zu dem Fahrer mit dem weißen Geschoss.

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Mittwoch, 15. Februar 2017 von Klaus Irion

Eine Lüge bleibt eine Lüge

Alternative Fakten: Selten hat eine Wortschöpfung in so kurzer Zeit solch eine große Wirkung entfaltet. Es ist wichtiger denn je, dass die ernstzunehmenden Medienschaffenden, gern auch als „Lügenpresse“ beschimpft, zusammenstehen und den Inhalt solcher alternativer Fakten stets auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Und das möglichst zeitnah, ehe sich diese angeblichen anderen Tatsachen in den Köpfen vieler festgesetzt haben.

Aktuelles Beispiel gefällig: Seit Wochen ist nach einer reißerischen Bildzeitungsstory von einem Sexmob die Rede, der in der Silvesternacht Frankfurts berühmte Freßgass' heimgesucht haben soll. Es bedarf keiner näheren Beschreibung, was sich seither vor allem in sozialen Medien abspielt. Gestern nun die Wende. Die Bildzeitung entschuldigt sich in aller Form für die Berichterstattung, nachdem Mitglieder der Frankfurter „Lügenpresse“ seriös recherchiert und herausgefunden hatten, dass eben kein Sexmob durch Frankfurt marodierte. Und die alternativen Fakten der Silvesternacht eben keine Fakten waren.

Allein schon die Tatsache, dass sich die Bildzeitung entschuldigt, lässt aufhorchen. Auch bei Springer scheint man erkannt zu haben, dass veröffentlichte Lügenmärchen heute eine ganz andere Wirkung in der Gesellschaft zur Folge haben als in früheren Zeiten, als die Presse einfach noch die Presse war und eine Lüge eben eine Lüge und kein alternatives Faktum.

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Mittwoch, 11. Januar 2017 von Klaus Irion

Präsidiales auf der Zollernalb

Einen amtierenden Bundespräsidenten bekommt man nicht alle Tage persönlich zu Gesicht. Und wer im Zollernalbkreis wohnt schon zweimal nicht. Denn sieht man einmal von einer Stippvisite Horst Köhlers im Melchinger „Lindenhof“ im April 2009 ab, herrscht nunmehr seit fast 20 Jahren Flaute in Sachen bundespräsidialer Besuche. Der gestern im Alter von 82 Jahren verstorbene Professor Roman Herzog war es, der am 21. Oktober 1997 einen ganzen Tag auf der Zollernalb weilte. Er kam ins Balinger Landratsamt, ehe ihm bei Mayer und Cie in Tailfingen die Höhen und Tiefen der Textilindustrie nahegebracht wurden. Ein Besuch bei der Bundeswehr in Stetten a.k.M und im Kloster Beuron vollendeten seinerzeit die Tagestour auf der Alb und an der Donau. Seinen Amtsvorgängern dagegen war all dies verborgen geblieben, hatten sie doch stets einen Bogen um den Zollernalbkreis gemacht. An der Landschaft kann dies kaum gelegen haben. Von ihrer Schönheit überzeugt sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann mehrmals im Jahr. Und mit dem wandernden Landesvater wehte im Jahr 2013 dann doch zumindest für zwölf Monate ein Hauch von Schloss Bellevue die Traufgänge entlang. Schließlich war Kretschmann in jenem Jahr Bundesratspräsident und damit auch der Stellvertreter des Bundespräsidenten Joachim Gauck.

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Samstag, 17. Dezember 2016 von Klaus Irion

Verdacht des Verschweigens

Postfaktisch wurde jüngst zum Wort des Jahres gewählt. Das NDR-Satiremagazin „extra 3“ hat sich dieser Tage herrlich damit auseinandergesetzt. Es ging dabei viel um „gefühlsmäßige“ Annahmen und Empfindungen und eben nicht mehr um belegbare Tatsachen. Und jetzt ertappe ich mich doch dabei, dass ich selbst schon postfaktisch denke. Es ist nur so ein Gefühl, aber das sagt mir: Die gesellschaftliche Stimmung auch im beschaulichen Zollernalbkreis wird immer frostiger. Was mich zu dieser Einschätzung bringt. Vorsicht, jetzt kommen doch wieder Fakten: Ich habe in meiner langjährigen Tätigkeit als Zeitungsredakteur noch nie so gehäuft aus unterschiedlichen Mündern von mir eigentlich als ganz besonnen bekannten Menschen den Satz gehört: „Ihr wolltet das bestimmt wieder verschweigen.“ Ja, natürlich. Für nichts anderes sind wir da. Verschweigen statt berichten. Was heute leider häufig zählt – jetzt wird es wieder gefühlsmäßig – ist ausschließlich Schnelligkeit, Kürze, Unverfrorenheit. Ohne Rücksicht auf die Betroffenen. Ohne die vorliegenden Fakten zu überprüfen, ohne korrekt zu recherchieren, ohne allen Beteiligten zumindest die Möglichkeit zu geben, etwas dazu zu sagen. Ja, wir leben in postfaktischen Zeiten. Das heißt aber für mich nicht, dass ich dafür bereit wäre, bewährte journalistische Grundsätze über Bord zu werfen.

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Freitag, 16. Dezember 2016 von Klaus Irion

Redaktionsblog: Verdacht des Verschweigens

Es ging dabei viel um „gefühlsmäßige“ Annahmen und Empfindungen und eben nicht mehr um belegbare Tatsachen. Und jetzt ertappe ich mich doch dabei, dass ich selbst schon postfaktisch denke. Es ist nur so ein Gefühl, aber das sagt mir: Die gesellschaftliche Stimmung auch im beschaulichen Zollernalbkreis wird immer frostiger. Was mich zu dieser Einschätzung bringt?

Vorsicht, jetzt kommen doch wieder Fakten: Ich habe in meiner langjährigen Tätigkeit als Zeitungsredakteur noch nie so gehäuft aus unterschiedlichen Mündern von mir eigentlich als ganz besonnen bekannten Menschen den Satz gehört: „Ihr wolltet das bestimmt wieder verschweigen.“ Ja, natürlich. Für nichts anderes sind wir da. Verschweigen statt berichten. Was heute leider häufig zählt – jetzt wird es wieder gefühlsmäßig – ist ausschließlich Schnelligkeit, Kürze, Unverfrorenheit.

Ohne Rücksicht auf die Betroffenen. Ohne die vorliegenden Fakten zu überprüfen, ohne korrekt zu recherchieren, ohne allen Beteiligten zumindest die Möglichkeit zu geben, etwas dazu zu sagen. Ja, wir leben in postfaktischen Zeiten. Das heißt aber für mich nicht, dass ich dafür bereit wäre, bewährte journalistische Grundsätze über Bord zu werfen. 

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